Erfahrungsbericht zur 2jĂ€hrigen Ausbildung „Living the Gestalt“

Zwei Ausbilungsseminare hatte ich bereits verpasst, als ich mich mit 54 Jahren dazu entschied, mich, trotz all’ meiner bereits vorhandenen Erfahrung als Atemtherapeutin und diverser Gaps und Assistenz bei Rajan und Deva Prem, fĂŒr die zweijĂ€hrige Ausbildung „Living the Gestalt“ anzumelden.

Die PrimÀrtherapie hatte ich erlebt, so konnte es, auch mit einigen WiderstÀnden was Protokoll und Referat anbelangte, im Dezember 2015 beginnen.

Die ersten zwei Wochenenden waren ein vorsichtiges Kennen lernen der 24-köpfigen Gruppe und der vier Assistenten, ein Kennen lernen der GesprÀchstherapie von Carl Rogers, in meinem Empfinden die Grundlage jeglicher therapeutischen Arbeit.

Ein Schnuppern in die Arbeit von Fritz Perls, die ersten Demositzungen in der Runde von Deva Prem und Rajan, die mich immer wieder sehr beeindruckten, wie empathisch, wie prĂ€sent, wie auf den Punkt bringend, wie auch schwierigste Momente liebevoll begleitend sie arbeiteten. Diese Demositzungen ließen die Arbeit von Fritz Perls lebendig werden und durch sie lernte ich immens viel.

Wir ĂŒbten zu zweit, wir ĂŒbten zu dritt. Von Beginn an steht die Übungssituation, neben der Morgenrunde, in der jede/r von sich erzĂ€hlt, von dem, was sie im Hier und Jetzt gerade bewegt, im Vordergrund. Wenn’s schwierig wurde, begleiteten die Assistenten/innen hilfreich, sie waren immer prĂ€sent, wenn wir – in welcher Form auch immer- Hilfe brauchten.

Deva Prem und Rajan hielten den Raum der Gruppe, vermittelten die Arbeit von Fritz Perls fundiert, klar und setzten Grenzen, wenn es in der Gruppe mal zu sehr „brodelte“. Der Gruppenprozess ist Teil der Ausbildung, sicher, aber allzu sehr in eine Encountergruppe sollte es nicht gehen, der zeitliche Rahmen ist begrenzt. Nicht zuletzt aufgrund der Erfahrung des engen zeitlichen Rahmens gibt es jetzt ein einjĂ€hriges Aufbautraining mit einem Encounter-Wochenende.

Die Woche auf Mallorca war ein besonderes SahnehĂ€ppchen, die Gruppe wuchs tiefer zusammen, eine heikle Situation wurde gemeistert, alle kamen wieder, niemand stieg’ aus. Wir konnten nicht nur ĂŒben, ĂŒben, ĂŒben, wir konnten schwimmen gehen und wurden mit dem leckersten Essen bekocht. Mallorca wird nun Parimal, sicher nicht minder intensiv.

Hier und Jetzt und Kontakt. Wie gehe ich empathisch in den Kontakt und bleibe trotzdem bei mir, eine Grundlage der gestalttherapeutischen Arbeit. Kontakt mit mir, Kontakt mit den anderen, immer wieder, sei es im inneren Dialog, sei es im Tanzen, sei es in der Meditation. Meditation, ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung. SpiritualitÀt, ohne sie geht es nicht, Deva Prem und Rajan leben sie, missionieren nie. Vielleicht entschieden sich gerade deshalb einige aus der Gruppe, Sanyas zu nehmen. Die Feiern waren tiefe, freudvolle Erfahrungen, es gibt keine Worte, die Liebe, die Verbundenheit in diesen Feiern zu beschreiben.

Psychodrama und TrĂ€ume, Mann und Frau und auch die Gestaltgrundlagen, nie wurde es langweilig, wir lachten und weinten, wir lernten unser Anderssein zu tolerieren und spielten auf der BĂŒhne, auf der ein Kartoffelsack und auch Gorillas uns lachende TrĂ€nen ins Gesicht trieben.

Die Neurosen wurden gelebt, erkannt und in Referaten deutlich im Unterschied zu Sigmund Freud beschrieben. Ein wichtiges Modul. Die eigenen Manipulationen zu erkennen. Wie genau mache ich es, die Verantwortung zu verschieben, nicht erwachsen und autark mein Leben zu leben? Welche Neurosen schlummern in mir, diese Erkenntnis hilft beim Begleiten der Menschen, die zu uns kommen. Zu sehen, zu fĂŒhlen, wie sie versuchen, uns zu manipulieren, sich selbst auch.

Nicht nur die ein, zwei, drei BĂŒcher, die zu lesen ein Muss, Sollte, Kann, Darf sind, auch die Referate und Protokolle, die ließen bei manch’ einer/einem den Schweiß ausbrechen, aber sie unterstĂŒtzten die gestalttherapeutischen Übungserfahrungen, und sie verdeutlichten mir Fritz Perls, seinen Hintergrund, sein Neurosenmodell und den Einfluss auf die Gestalttherapie. Sie sind fĂŒr mich ein Geschenk. Fritz Perls wurde Gestalt. Intuition und Wissen konnten sich in mir verbinden.

Zu sehen und zu spĂŒren, wie sehr sich die Gruppenteilnehmer/innen, ich mich und  auch die Assistenten, auch Deva Prem und Rajan sich innerhalb der zwei Jahre verĂ€nderten, beeindruckte mich und unterstĂŒtzte meine Überzeugung, dass die Gestalttherapie Fritz Perls’ mein Weg ist. Kleine Übungssequenzen (das Pendeln, Identifikation, Wahrnehmen was sich jetzt zeigt, Arbeit mit dem inneren Kind) zeigten und zeigen oft große Erkenntnisse, sei es in der Ausbildung, sei es in meiner Praxis.

Eine fundierte, lebendige Ausbildung, selten langweilig, manchmal in der langen Morgenrunde; selbst dann lernten wir: „Die MĂŒdigkeit zeigt etwas von dem, was gerade gesprochen wird, das hat mit Dir zu tun.“

Wenn Deva Prem und Rajan in Ihrem Flyer schreiben: „Wir wĂŒnschen uns, dass unsere Absolventen belebte, beseelte, beherzte Menschen sind und jeder aus seiner individuellen Geschichte und aus seiner Lebenssituation heraus eine eigene Arbeitsweise findet und dennoch eindeutig als Gestalttherapeut zu erkennen ist.“, dann mag ich nur sagen: „Es gelingt Euch, genau dieses zu vermitteln. Ich werde meinen Weg als Gestalttherapeutin gehen, mit meinem Hintergrund, mit meiner Lebenssituation und mit der Erfahrung und dem Wissen was ich aus der 2jĂ€hrigen Ausbildung mitnehmen durfte.“ Ich danke Euch von Herzen.

Wer diesen Weg wĂ€hlt, wird durch’s Nadelöhr gehen, ein Verstecken gibt es nicht. Einmal dadurch, lebt es sich leichter, lebendiger und intensiver, ein Weg nicht nur mit dem Ziel Gestalttherapeut/in zu werden, ein Weg zu sich selbst. Ich, Kabira I. Hesse, kann ihn aus tiefstem Herzen empfehlen.

Köln, 05.04.2016

 

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Reise ins Pippilottaland

Gepackt, noch schnell den „Hurenabend“ in Bonn genießen, drei Frauen und ein Mann am Klavier im Casino des Pantheon, Freunde treffen, TschĂŒss sagen.

Wir fahren los, gemĂŒtlich, erinnere mich an Worpswede, an Paula und den Vater, das Geburtshaus, bis dahin können wir es schaffen. Kein Stau auf der Autobahn, kommen gemĂŒtlich an, dort auf dem Campingplatz am See, wo Platzwart Ute das Sagen hat. Sie drĂŒckt auf einen Knopf am Hals, damit die Worte bei uns ankommen, das bemerken wir erst beim zweiten Hingucken, auch die PerĂŒcke. Sie ist freundlich, das Gesicht eher zurĂŒckhaltend, Ă€ngstlich, sie kĂŒmmert sich um den Platz, um die Menschen.

Kinder spielen an dem See, auf den wir durch die Vorderscheibe des Wohnmobils den tieffliegenden Schwalben zusehen können. Nah an der WasseroberflÀche scheinen viele Insekten zu leben.

Der Gang durch Felder und Pflasterstraßen dauert, die FĂŒĂŸe bemerken es, der Unmut wĂ€chst auch. Wir wollen etwas essen, die Erwartung wird enttĂ€uscht. Touri-Kunst nennt Peter die FußgĂ€ngerzone von Worpswede. Das Haus von Paula am Ende, eher unscheinbar gelb, eine braune Holzstatue an der Wand. Ihr Kopf, oben aufsitzend, kaum erkennbar. Oben, oberhalb der von Rosen umrankten HaustĂŒr schauen Vater und Tochter aus dem Fenster, sie schauen eher skeptisch in die Ferne, die Touristen sehen sie nicht.

Wir finden ein Kaffee, etwas ruhiger gelegen, das Bier schmeckt, der Flammkuchen, eher eine dickbelegte KĂ€sepizza, nicht wirklich, aber sĂ€ttigt, der Unmut verschwindet und wir belĂ€cheln die LĂ€den und LĂ€dchen des kleinen Dorfes. Auf dem RĂŒckweg finden wir die alten GebĂ€ude, fĂŒhlen die Tochter jetzt eher, spĂŒren, dass Vater und Tochter die Weite der Felder geliebt haben könnten, die Stille auch, der flieht die Tochter Paula, spĂ€ter, genießt Paris. Das Alte ĂŒberdauert im Empfinden, nicht im Sehen.

Wir schlafen gut in der Stille, der Kuckuck weckt uns und wir kommen frĂŒh los. Noch einen Hundespaziergang entlang der Hamme, noch ist es ruhig am See.

Wieder kein Stau, kommen frĂŒh an in TravemĂŒnde, zunĂ€chst das BĂŒro suchen, die Unsicherheit des Checkin befriedigen. Die RiesenmĂ€uler der FĂ€hren sind noch geschlossen. Beim Anblick der Giganten der TT-Line oder Stena-Line erreicht deren GrĂ¶ĂŸe mein Herz, lange keine kindliche Erregung mehr wahrnehmen können wie diese.

Doch zunĂ€chst noch die Sonne am Timmendorfer Strand genießen, der hochgelobte, beworbene Strand. Wir erleben ihn kĂŒnstlich, das weiße Yin-Yang-Haus erschreckt eher, wird belĂ€chelt. Die Fischernetze und die alten Boote im Hafen erreichen unsere Herzen tiefer, wir genießen das Bier und beobachten die Möwen, die finden hier immer etwas. Deren Geschrei begleitet uns durch Schweden – fast ĂŒberall.

Der Schlund ist geöffnet, wir beobachten die Kunst des Fahrers, der die Container hin- und herschiebt, bis es passt, seinen Sitz und den Lenker mal nach vorne, mal nach hinten drehend, konzentriert, es will alles geĂŒbt sein, schnell muss es gehen. Die Lkws stehen auch bereit, uns wird gewunken und wir verschwinden im Schlund der FĂ€hre. Mehr als 100 LKW folgen, spĂ€ter, werden verschlungen. Das Testosteron der Fahrer ist spĂŒrbar auf der FĂ€hre, ĂŒberall.

Die FĂ€hre selbst erinnert eher an ein Hotel, die Flure schmaler, die Klimaanlage surrt. Der Ausblick der Kabine ein Traum. SpĂ€ter schaue ich zu, wie das Schiff den Hafen verlĂ€sst, zwischen blinkenden roten und grĂŒnen Bojen navigiert, noch sind HĂ€user zu sehen, Land, dann verbinden wir uns mit dem WasserNichts.

Ein Whisky muss gekauft werden, dann draußen schauen, das Meer, den Hafen, die GrĂ¶ĂŸe des Schiffes erleben. Oben auf Deck 10 die aus Kuba mitgebrachte Zigarre genießend, verabschiedet Peter sich von Deutschland, sieht die HĂ€user kleiner werden, der Hund will nicht auf dem eigens dafĂŒr gebauten Hundeklo pieseln, riecht alles nach Desinfektionsmittel.

Noch eine Weile die Unendlichkeit des Wassers genießen, dann schließen wir die VorhĂ€nge, das ist ein Muss, die Crew wird vom Licht unserer KajĂŒte geblendet. Dann schlafen bis das schwedische Licht die Kabine erreicht, der Morgen kommt frĂŒh in Schweden. Um sechs spricht uns die Lautsprecherinnenstimme ins Ohr, FrĂŒhstĂŒck ist fertig, wir schlafen noch etwas.

Der Hafen von Trelleborg am Horizont, Schweden ist sichtbar, die Sonne begrĂŒĂŸt uns. Plötzlich geht es schnell, das Ankommen im Pippilottaland.

Eine Tasse Kaffee und Brötchen wÀren jetzt, nachdem wir den Koloss verlassen haben, den Gigant, der das Meer verunstaltet und die Menschen in Schweden versorgt, ihnen auch ArbeitsplÀtze bietet, ein Geschenk.

Die Stadt, sie schlĂ€ft noch, schwedische GeschĂ€fte öffnen spĂ€ter, die Nacht kommt spĂ€t im Juni. Wir finden eine Tankstelle, die ersten schwedischen Worte hören, Englisch sprechen, das ist selbstverstĂ€ndlich fĂŒr die Menschen im Land von Astrid Lindgren.

Wir fahren entlang der KĂŒste Richtung Ystad, finden ein PlĂ€tzchen in der NĂ€he des bereits glitzernden Meeres, genießen das FrĂŒhstĂŒck, frisch ist es schon hier im Norden. Der Hund findet einen Platz mitten in den blĂŒhenden GrĂ€sern, er ist zufrieden, ruhig, wir sind ja da. Über blĂŒhende Felder, auf denen KĂŒhe grasen, die Sicht zum Meer. Eine besondere Stille gibt es in Schweden, selten fĂ€hrt ein Auto vorbei oder eine Fahrradfahrerin, die gegen den Wind kĂ€mpft. GefĂŒhltes GlĂŒck, endlich.

Ystad erreichen wir schneller als das NavigationsgerĂ€t es anzeigt. Schweden zeigt sich weniger europĂ€isiert als Frankreich oder Italien, wo es alles gibt, was Deutschland hat und umgekehrt. Schweden hat seinen Ursprung erhalten, nicht ĂŒberall Reklameschilder, weniger LĂ€rm auch im StĂ€dtchen Ystad, langsamer gehen die Menschen in der Stadt von Walander, Mankells Kommissar.

Heute fahren wir mit dem Fahrrad Richtung Ystad, der Campingplatz liegt etwas außerhalb. Wir genießen die alten Bauten der Stadt, St. Maria’s Kyrka und den Klostergarten, mit BuchsbĂ€umchen umrahmten Beete wie damals auf dem Hof meiner Großeltern im tiefsten Westfalen, vertraute GerĂŒche im fremden Schweden, dort, wo die hellgelben BriefkĂ€sten eher unscheinbar wirken. Alte FachwerkhĂ€user und kleine Gassen, sie werden beschrieben in den ReisefĂŒhrern, wir betrachten sie und genießen zum Schluss leckeren Fisch, draußen sitzend, um die Ecke vom Marktplatz. Lightbier und Kaffee inklusive, das holen sich die Schweden selbst.

Eine Eigenart, die auffĂ€llt, glĂ€serne Kaffeekannen stehen ĂŒberall, auch in den Kaffees oder in der Butik des Campingplatzes, die Tassen auch, den Kaffee, den holt man sich hier, eine Tasse muss bezahlt werden, der Nachschub ist umsonst.

Noch einen Abendspaziergang durch ein JoggingwĂ€ldchen mit unterschiedlichen Routen, die unterschiedlich lang dauern. Kiefernduft und blĂŒhenden Vergissmeinnicht begleiten uns. Die kalte Luft der Nacht rĂŒckt heran, die Schweden sitzen draußen, genießen den Sommer.

Wieder scheint die Sonne, ein langer Strandspaziergang nach langer Autofahrt muss sein, eingemummelt, damit der Wind nicht durchgeht. Nicht nur die schwedische Jugend auch Alte sonnenbaden im Bikini, mir fröstelt es beim Anblick, was bin ich verpimpelt.

Obwohl, vielleicht doch ins Meer, mit den FĂŒĂŸen, die Vernunft siegt. Kaum Muscheln sind zu finden, Steine ja und Bunker, viele, zubetoniert, dennoch eine Erinnerung an die bedrohliche Zeit. Wir setzen uns oben drauf, genießen fĂŒr einen Moment das Licht, den Wind, die Stille, das WasserNichts fĂŒhlt sich anders an, rauer, nĂ€her. Jetzt hat der Bunker eine friedliche Aufgabe.

Eine kalte Nacht erleben wir und einen sonnigen Morgen, weiter geht es immer an der KĂŒste entlang Richtung KĂ€seberga, WiesenwĂŒsten, bunt und licht, versteckt immer wieder weiße Steine, der nĂ€here Blick verwandelt sie in KĂŒhe. Der empfohlene Campingplatz zu nah, wir wollen doch noch höher die OstkĂŒste Schwedens erkunden.

Die Begegnung magischer Orte erleben wir vorher. Ales stenar, 700 Meter auf einem HĂŒgel gelegen, ein Grab der Wikinger wird unter dem Steinkreis vermutet, erbaut wie eine Schiffsform. Es wird still in uns, als wir den Blick auf das unendliche Meer schwenken. Stiller noch, als wir die Unendlichkeit fĂŒhlen. Blau ringsum, Nichts erneut spĂŒrbar, die sanft kreischenden Schwalben stören das Nichts nicht.

Ein Kaffee oder SouvenirstÀnde finden wir nicht. Der Ort darf magisch bleiben.

Wir gehen hinunter an den kleinen Hafen von KĂ€seberga, dort, wo die AalrĂ€ucherei anderen Duft in unsere Nasen bringt, hier findet sich auch ein Souvenirladen, Elche fehlen nicht, in jeglicher Form. Es lĂ€sst mich grinsen und weitergehen. Der gerĂ€ucherte Lachs mit zu EisbĂ€llchen geformtem KartoffelpĂŒree teilen wir uns, lecker, sitzend am Hafen, dort wo es noch ruhig ist, die Sommertouristen kommen spĂ€ter, wir fĂŒhlen die Menschen, die Massen, die diesen Ort dann belagern.

Blau, rot und gelb und grĂŒn, noch satt wie im Mai in Deutschland, leuchtet die SteilkĂŒste rundum. Die Seele springt vor GlĂŒck bei der BlĂŒte, Flieder in drei Farbschattierungen, auch als Hecke geschnitten.

Dem Hund ist’s genug, er legt sich schlapp hin, direkt, wenn wir stehen bleiben, sein Alter macht sich bemerkbar. Wir gehen zurĂŒck zum Auto, fahren weiter Richtung Glimmingehus, die Ă€lteste Burg Schwedens, gut erhalten, schreiben die ReisefĂŒhrer.

HĂŒgelig zeigt sich die Landschaft und still, vereinzelt kĂ€mpft sich wieder eine Fahrradfahrerin durch den Wind. Hier und da Höfe, rot angestrichen, immer liebevoll mit Blumen geschmĂŒckt, alles wirkt niedlich klein in dieser weiten Landschaft, in diesem Land, wo die Autos langsam fahren, eine anderes ZeitgefĂŒhl lebt sich hier.

Keine großen Schilder weisen auf die Burg, wir mĂŒssen sie suchen, irgendwo ein Hinweis und dann auch Eintritt und eine Butik, in der wir die Eintrittskarten kaufen. Eine Oma sitzt auf dem Hof mit ihrer Enkelin, der schwarze Pranger im Hintergrund. Gepflegt und sauber, bestens restauriert zeigt sich die Burg.

Breite Treppen in die Tiefe, breite Treppen, abgelaufene Steine drei Stockwerke hoch, die BĂ€nke in den Fensternischen lassen Bilder von stickenden BurgfrĂ€ulein wach werden. Überall SchießschĂ€chte, nach außen und nach innen in ein anderes Zimmer. Hier zeigt sich Angst, ĂŒberall.

Ein Wassergraben außen herum und vom Hof geht es in die WirtschaftsrĂ€ume, liebevoll gestaltet mit getrockneten KrĂ€utern und getrockneten Brotscheiben am Balken, die Vorstellung von arbeitenden FrauenhĂ€nden und geschĂ€ftiges Gemurmel rutscht nach vorne.

Alte GefĂ€ĂŸe in Vitrinen und plötzlich ein Raum fĂŒr Kinder, hier können sie spielen, BurgfrĂ€ulein und Ritter wĂ€hrend die Eltern die Burg besichtigen, ganz frei ohne Verbote. Selbst die Kirchen zeigen VerstĂ€ndnis fĂŒr Kinderlebendigkeit, es gibt immer eine Spielecke, sprechen und Kinderlachen wĂ€hrend des Gottesdienstes? Ja, bitte!

Ein Kaffee mit leckerem Kuchen, die Bedienung spricht Englisch, wie fast alle Menschen in Schweden, sie packt uns den Kuchen ein und gibt ganz selbstverstĂ€ndlich unendlich leckere Vanillesoße dazu, den Kaffee kochen wir im Bus.

Wir ĂŒbernachten unter Kiefern auf einem HĂŒgel in Ahus, ruhig und windstill. Sitzen lange draußen, ein Greifvogel, zum Greifen nah ĂŒber unserem Kopf, verschwindet im Wald zur Nachtruhe. KrĂ€hen schreien immer, schwarze, auch NebelkrĂ€hen. Schweden, das Land das KrĂ€hen, magisch oder unheilvoll?

Am Strand grillt die Jugend und schreien die Möwen. HĂŒtten, FerienhĂ€user, CafĂ©s und Restaurants ĂŒberall, still noch, friedlich, bald, in drei Wochen, wird es laut. Dann nutzen die Menschen den kurzen Sommer.

FrĂŒhstĂŒck draußen, warm genug und Pippilotta begegnet uns, zunĂ€chst weit weg das Kinderlachen, vier Kinderbeine laufen zum weit entfernten MĂŒllplatz, zwei davon wackelig, immer hinter den großen Beinen der Schwester hinterher, lebendig genießen sie die Welt, die schwedischen Eltern nicht zu sehen.

Hier dĂŒrfen Kinder Pippilotta sein, frei, nicht in Sichtweite. Die Große kommt spĂ€ter mit dem Fahrrad mit bunten Kleidchen und verschiedenen Socken, ohne Helm, sie umkreist den in der Sonne liegenden alten Hund, schaut zu ihm, verliert fast die Balance, nĂ€her traut sie sich nicht. SpĂ€ter in Karlskrona, sehen wir Pippilotta mit 19, pinkrotweißgelbe dicke Rasterlocken, bunte Kleider und verschieden farbige bunte Socken, zwei mal drei macht vier widewidewitt und drei macht neune.

Endlich das „richtige“ Schweden sehen, in Richtung Landesinnere, Seen ĂŒberall, unmittelbar an der Autobahn und WĂ€lder ĂŒberall, Licht- und Schatten. Das erste gelbe Vorsichtschild: Elche queren die Straße! Ein Plateau und Skilifte, schwarze MĂ€nner verteilt auf den frisch gesĂ€ten Feldern, bunte, kraftvolle Farbkleckse der Blumen inmitten des satten GrĂŒns der WĂ€lder, oft NICHTS. Auf einem wackeligen Steg liegt einsam ein junger Mann, dort wo das Schilfgras leise im Wind sich bewegt und die Sonne den See glitzern lĂ€sst.

Bunte HĂ€user und Steine und Felsen. Asterix’ Hinkelsteine, mittendrin im riesigen Feld, ein Hase auch, frisst das frische Gras, lĂ€sst sich von der Mittagshelligkeit nicht stören. Viele weiße Veranden, Pippilottas Pferd sehen wir nicht, auch Herr Nilson hat sich versteckt.

Am Hafen von Karlskrona sitzen, die Sonne wÀrmt uns. Kaffee trinken mit Blick auf kleinste Inselchen im weiten Meer. Die im DHL-Gelb gestrichene FÀhre kommt in den Hafen gefahren, hundert von ihr hÀtten in die TT-Line-FÀhre hineinpasst, ein DHL LKW verlÀsst das Schiff. Dann wieder die ruhige Ostsee.

Die Stadt selbst erschrickt uns eher, groß und laut mit MillitĂ€rgesicht. Einzig die Kinder, sie feiern irgendwie, Einschulung und Ferienbeginn, die Eltern tragen auf Plakaten große Fotos und BlumenstrĂ€uße ĂŒberall, quirlige Lebendigkeit. GeschmĂŒckte AnhĂ€nger werden von geschmĂŒckten Treckern gezogen, Discomusik fĂŒr die Abiturienten. An den Bierflaschen BlumenstrĂ€uße. Fremde Sitten, Rituale und doch vertraut.

Wir kaufen einen Rucksack, Hustensaft und schnell zurĂŒck, weg vom Marktplatz mit der großen Admiralskirche, durch ruhigere Gassen zum Hafen und weiter Richtung Kalmar einen Platz zum Verweilen finden.

Kristianopel, eine zwei Kilometer lange Stadtmauer schĂŒtzt die Camper vor dem Meereswind. Die schwedischen Camper erfreuen sich am frĂŒhen Sommer, sitzen bis spĂ€t in kurzen Hosen vor dem Bus, wir mit dicken Jacken, der eisige Wind. Wir schlafen fast 10 Stunden in der tiefen Stille.

Kristianopel lĂ€dt ein zu bleiben, einen ruhigen Tag erleben. Die alte Kirche mit dem dĂ€nischen Treppengiebel trifft unsere Seelen. Alte Grabsteinplatten, wunderbare LĂŒster an der Decke und wieder eine Spielecke fĂŒr die Kinder und ein Wohnzimmertisch mit vier StĂŒhlen. Ich betrachte und fĂŒhle die Kirche, als plötzlich eine deutsche Stimme die Kirche beschreibt, per Knopfdruck erfahren wir die Geschichte der Kirche, auch dass König Carl Gustav hier war und auf dem altwackelig wirkenden Königsstuhl gesessen hat, seine Unterschrift steht an der Wand.

Es lÀsst sich spazieren gehen auf der alten Befestigungsmauer, die nur noch halb so hoch ist wie zu Kriegszeiten mit den DÀnen. 80 Menschen wohnen in Kristianopel, wie still wird es hier sein im Winter. Fahrrad fahren durch Felder und WÀlder, ein Milan sucht eine Maus, einsame Bauernhöfe und dort eine Lila Butiken mit Kunsthandwerk.

In Schweden spĂŒren wir die Stille, ganz nah.

Pippilotta liegt mit blauem Hut und geblĂŒmten Kleidchen auf einer gelben Wippe, hĂ€lt sich mit ihren kleinen HĂ€ndchen ganz fest und schaut voll Freude und Bewunderung den sie wippenden Papa an. Pippilotta schwingt in der Luft.

Von Kristianopel Richtung Kalmar an der KĂŒste entlang. Kalmar mit einer sehr touristischen Befestigungsburg, gut restauriert, fĂŒr uns zu gut, bleiben draußen und schlendern langsam in die Innenstadt Richtung Domkyrka, Barock, groß und hell und ĂŒberall Blattgold und einem freundlichen Empfang vom Pfarrer. Rechts vom Eingang grĂŒĂŸen uns ein Hund und ein Nashorn aus der Spielecke.

Hell und mit hoher, leuchtender Kuppel und freundlich erleben wir die Kirche, christlicher Glaube gemischt mit einem Meditationsweg, den Weg zeigen in Rottönen gehaltene Kugeln auf SĂ€ulen. Wir gehen die Rundtreppe hoch zu den Balustraden und sehen im „zweiten Stock“ BĂŒros der Pfarrei, wir genießen einen Moment die Stille und die DĂ€monen der Leuchter und Bilder.

Entscheidung auf Öland zu verweilen, eine Insel, wir sind keine Insulaner, bemerken wir am Abend, als der frische Wind uns schnell in den Bus klettern lĂ€sst. Die Insel zeigt sich mit Steppenlandschaft und vielen MiniwindmĂŒhlen, so wie auf den Feldern auf dem Weg nach Kalmar Miniheuballen liegen. Schweden zeigt sich kleiner, nicht nur in der Bauweise der HĂ€user.

In der Hauptstadt Borgholm, der Hauptstadt der Insel, die am Sonntag verschlafen wirkt, zeigt sich wie eine Stadt im Ruhrgebiet, hier und da ein paar Menschen, geöffnete LÀden, in die niemand hineingeht. Wir essen eine Pizza, eine davon eine Labyrinthpizza, selbst die Pizza ist mystisch, schreibt eine Freundin, als sie das auf whatsapp gesendete Bild sieht.

Pippilotta zeigt sich heute als Pippikarlson, mit schnellem Fahrrad und blauem Helm mit roten Irokesenhaaren obendrauf, mit wildem Geschrei fÀhrt er in Richtung See.

Der Morgen zeigt sich auf dem Klinta Camping windig und frisch, ohne Fleecepullover oder Windjacke frieren die Menschen in Schweden auch im Sommer. Auf dem RĂŒckweg Mohnfelder leuchtend und Steppenlandschaft. Unter der BrĂŒcke kleine Vogelinseln und das glitzernde Meer, erneut.

Einkaufen im ICA Supermarkt, wer Bioware sucht, wird enttĂ€uscht, hier und da mal ein Eco-Schild auf der Ware, in kleinen LĂ€den gar nicht. Die Natur draußen entschĂ€digt uns.

Ein einsamer Platz irgendwo im Nirgendwo an einem der unzÀhligen Seen, wieder Nichts, Stille, Vogelstimmen, Rauschen der BÀume. Bevor eine Familie den Platz besucht, gehen wir, fotografieren noch die kleinen gelben Orchideen neben unserem Bus.

Vorher unendliche wilde Landschaft, mittendrin im mal lichten, mal dunklen Wald dicke Felsbrocken. Die Blumen lassen sich nicht stören von den Autos, gibt es nur wenig Abgase hier. Eine Farbpalette von Flechten auf dicken Steinen, violette, rosafarbene, weiße und lila Lupinen. Weiße Margariten leuchten vor lilafarbenen kleinen Blumen und plötzlich auch eine Moorlandschaft mit gelb leuchtenden Lilien.

Der Weg von der KĂŒste in Landesinnere in Richtung Aboda Klint leuchtet. Wir suchen an einer Kreuzung, bleiben kurz stehen und ein Mensch klopft an die Scheibe. Sorry, sage ich, dachte, ich hĂ€tte ihn aufgrund meiner Fahrweise belĂ€stigt. Ein Berliner, er freut sich sichtlich uns auf Deutsch den Weg zu erklĂ€ren, bestens. Eine herzliche Begegnung  mitten im Nirgendwo.

Oben angekommen lĂ€dt der hölzerne Turm ein, um die Landschaft von oben zu bewundern, heute leider nicht, geschlossen, weil baufĂ€llig, er wird renoviert. Wir sehen die unzĂ€hligen Seen und die unendliche Weite der Natur auf den dicken Steinen stehend. Winzig fĂŒhlen wir uns und verbunden mit allem ebenso.

Wir finden einen Platz in Hultsfred, direkt am See, mitten in der vom Wind begleiteten Stille.

Schweden hat viele Gesichter, das touristische auf Öland, das alltĂ€gliche in den mittelgroßen StĂ€dten, das mystische, immer wieder und ĂŒberall, das einsame in den bunten Streusiedlungen, das europĂ€ische mit den FlĂŒchtlingshĂ€usern auch.

Die Sonne weckt uns, erneut schauen wir durch das sanft wiegende, blĂŒhende Gras auf das blaue Wasser, friedliche Stimmung erleben und GlĂŒck. Der Platz erinnert an Deutschland, der Platzwart kommt aus Hamburg und Birken ĂŒberall. In der Ferne, gegenĂŒber auf der anderen Seite, gerĂ€uschvoll der Alltag.

Pippilotta, mit Ringelstrumpfhosen, dreht sich mitten auf dem Platz und spricht vor sich hin, Johann aus Deutschland betrachtet sie versonnen und lĂ€chelt. Die Begegnung wird er wohl nicht vergessen. Damals, in Schweden, ein GefĂŒhl, das bleibt fĂŒr immer.

Wir fahren weiter, die SchÀren warten.

Pippilotta versteckt sich in Vimmerby, dort, wo Astrid Lindgren ihre Geschichten schrieb. Hier gibt’s es sie zuviel, die Massen wollen es sehen, wir nicht und ziehen weiter.

VĂ€stervik, eine Stadt fĂŒr einen Einkaufsbummel, mit Dom und altem Rathaus, weniger zum Verweilen. Den Hafen und die immerwĂ€hrende unendliche Weite der See genießen wir, auch die Sonne. Jourgubbar kaufen wir auch, mit Joghurt genießen wir sie an einem Campingplatz mit Seeblick, wie anders. Betreten den Platz ohne einen Menschen anzutreffen, irgendwo steht ein anderer Bus mit drei Hunden, von einem niedrigen Hasenzaun umschlossen.

GegenĂŒber ein HĂŒgel, wir gucken immer wieder durch unser Fernrohr, vielleicht, in der DĂ€mmerung mag der Elch uns begrĂŒĂŸen. Hin- und Hergewuschel lockt meinen Blick auf den Rasen, ein Dachs wohnt hier und schnĂŒffelt und wackelt zum See, das LĂ€cheln auf unseren Gesichtern sieht er nicht.

Die vielen Gesichter des Wassers sehen wir an diesem Ort, Licht- und Schatten verÀndern das Spiegelbild, das Tauchen der Ente wirft andere Ringe als die der Fische, die in der DÀmmerung die Insekten von der WasseroberflÀche fressen. Morgens die Segelschiffe, die raus fahren auf die offene See ziehen einen hellen, pyramidischen Streifen hinter sich her. Jetzt erleben wir dies, in diesem Augenblick.

GrĂ€snĂ€s lĂ€dt ein zum Verweilen, wir radeln noch zum Hafen, dann geht es weiter. Holzboote leuchten in der Sonne, gepflegt, zwei KapitĂ€ne unterhalten sich, einer rudert langsam rĂŒckwĂ€rts aus seiner Parkbucht, dann startet er den Dieselmotor und fĂ€hrt langsam heraus aus dem Fjord, liegt gemĂŒtlich in seinem Boot. Wir möchten mitfahren, erfreuen uns an dem kleinen, lebendigen Hafen, an der einen Seite ein WienercafĂ©. Bedient werden wir von einem Ă€lteren, fröhlichen Herrn, die Seele des CafĂ©s. Trinken noch einen Kaffee auf der Terrasse, begleitend von drei Meisen. Sie gehören zum Inventar.

Die SchĂ€ren, sie warten immer noch. In Gryts finden wir sie, wild und ungebĂ€ndigt schwappt das Meer an die Riesensteine und dumpfe Musik erschallt aus ihnen. Flechten und winzige lilaweißgelb leuchtende StiefmĂŒtterchen sitzen auf den Steinen. Auf der See ĂŒberall Inseln, kleine, große mit BĂ€umen und StrĂ€uchern, die Riesen befestigen sie. Der Blick reinigt die Seele.

Pippilotta hat gebadet und hĂŒpft mit wehendem, roten Bademantel hinten in den offenen weinroten Kastenwagen.

ZurĂŒck durch einen MĂ€rchenwald mit Moos in verschiedensten Farben und Formen, Kiefern, sie stehen in Schweden selbstverstĂ€ndlich ĂŒberall. Schwedens grĂ¶ĂŸte Industrie das Holz, die Möbel, die Pellets. Bleiben oder weiterziehen, ein Anruf aus Deutschland verĂ€ndert alles. Jetzt braucht es andere Überlegungen, Ideen und Trost.

Ein Platz am Ende der Welt, direkt in den SchĂ€ren, der eiskalte Wind rötet unsere Wangen und der beginnende Regen verĂ€ndert den Blick. Schweden erleben, wieder anders, nieselverschleiertes Meer, schwarz-bunte Gummistiefel, graubraunnasse Wurzeln. „Kein Mittsommer ohne Regen“, sagt die mies gelaunte Pippilotta mit hochgesteckten Zöpfen.

Wir bleiben und fahren auf dem schnellsten Weg Richtung Stockholm. Die schwedischen Menschen verlassen Stockholm, Mittsommer braucht die Natur, die einsamen Gegenden, die Trolle und Elfen, die Touristen kommen. Ein Platz unter der BrĂŒcke, oben die Flugzeuge, nachts Flugverbot, per Fahrrad erreichbar die Gambla Stan. Quirliges gibt es dort, auch Souvenirs, Souvenirs. KornspeicherhĂ€user und engstes GĂ€sschen, auch Alfred Nobel und die Royals.

Der Weg mit dem Fahrrad am Wasser entlang, Boote ĂŒber Boote, hölzern, modern, FĂ€hren, Segelschiffe, riesige Dampfer und BrĂŒcken, allĂŒberall. Auf dem RĂŒckweg werden wir pitschepatschenass, dennoch das Bier in der Altstadt genossen, die verwinkelten Gassen auch, das Farbbunte der HĂ€user. Eine alte Dame irgendwo in einer stillen Gasse besitzt einen Flohmarktladen, spricht deutsch, zurĂŒckhaltend sitzt sie in der Ecke, lĂ€sst mich stöbern.

Schlafen unter der BrĂŒcke geht leicht, wenn der Bus schĂŒtzt. Dauerregen. Am anderen Tag per Metro in die Gambla Stan, Wachablösung am Schloss, alles erinnert ein wenig an den Buckingham Palast. Storkyrkan, die Krönungskirche beeindruckt, die hölzernen ThronbĂ€nke fĂŒr die königliche Familie, Georg, der den Drachen tötet, RiesengemĂ€lde und ein siebenarmiger, bronzener Leuchter, eine tiefseelische Schwingung, verstĂ€rkt durch den spontanen Gesang eines japanischen Chores.

Weiter durch enge Gassen, das Espresso-CafĂ© suchen und finden, vorher im Ă€ltesten Kaufhof schnuppern, schauen, was wir alles nicht benötigen und finden Gummischuhe. Jetzt sind wir gewappnet fĂŒr den Dauerregen, reinschlĂŒpfen zur Dusche, rausschlĂŒpfen und wieder in den trockenen Bus.

Mittagspause und dann doch noch Midsommar feiern, ĂŒberall spĂŒrbar, ein Feiertag, leeres Stockholm und doch im Skansen wird gefeiert, der Baum ist gesetzt und eine Volkstanzgruppe hilft, dass die Menschen, jung, alt, klein, groß, hell, dunkel – egal – um den Baum tanzen, ich auch, selbstverstĂ€ndlich wird Equinox gefeiert. Pippilotta singt und schwingt, Regen, na und? Meine Seele ist befriedet, die Elche sehen wir noch, kleine und große, unser beider Seelen sind befriedet trotz Dauerregen. Auf dem RĂŒckweg begegnet uns der erwachsene Herr Karlsson im Rollstuhl, singend, rufend mit lachendem Gesicht und einem atemlosen Tempo, wir lachen zurĂŒck.

Die Natur ruft wieder, auf dem Weg entlang der MĂ€laren ein WikingergrabhĂŒgel und Schiffssetzungen, wieder Steine ĂŒber Steine, weniger mystisch hier, fĂŒr die Touristen aufgepeppt, dennoch. Die alte Kirche in Badelunda lĂ€dt ein und Pippilotta wird im Nebenraum gewickelt, dort, wo die bunten Deckenmalereien das Alter der Kirche zeigen.

Tief in die Natur fahren Richtung HĂ€lsnĂ€s, dort, wo nichts ist, ein Campingplatz auf der Karte, nur dort, alles wieder zurĂŒck. In Fujgesta ein Platz direkt am Freibad, das erste Schwimmen im Land der tausend Seen, ĂŒberall freuen sich Pippilotta und Michael aus Lönneberga und springen und singen und hĂŒpfen und schwimmen. Wir freuen uns auch, bleiben, faulenzen einen Tag.

SpĂ€ter der Regen, der Bodennebel wirkt gespenstisch. Das dampfende Wasser ĂŒberall weckt unsere Sinne am Morgen, weiterfahren, die Trolle und Elfen rufen. Hinein ins Land der Riesenseen und des Reiches der Wesen. Wir Menschen verlernen, sie zu sehen, hier entdecken wir sie neu. Riesige, dunkele WĂ€lder mit grĂŒnweichsanftem Moos ĂŒberall und Farne und hineingeworfenen Felsblöcke, mal rund, mal hochaufragend, mal glatt, mal flechtenbedeckt, mal ruppig beĂ€ngstigend. NaturreizĂŒberflutung.

In Tived, am Ungensee, ein netter Cafébesitzer, er spricht Englisch, erzÀhlt mir vom Dorfleben und dass die Touristen im Naturpark im Winter auf dem oberen Platz des Campinggebiets gestellt werden, im Sommer an den See. An den wunderbaren, plötzlich in seiner gesamten Weite sich zeigenden Ungensee, kommen wenig Touristen, lecker seine Speisen, frisch zubereitet und die Menschen des Dorfes, treffen sich hier und erzÀhlen, von dem wenigen, was sie erleben.

Etwas weiter am Hafen entdecken wir einen Krebs, seine Augen sichtbar im eher von Mineralien dunkel gefÀrbten See. Kleine Boote der Dorfmenschen liegen still im Minihafen, hier könnten wir verweilen, eine Weile, eine Nacht, leider verboten.

Der Platz zum Verweilen am Fuße des Naturparks bietet alles fĂŒr uns Touristen, direkt am See, gegenĂŒber der Wald, sich putzende GraugĂ€nse auf dem Steg, Stille und Weite. Blicke, immer wieder anders zeigt sich auch hier die WasseroberflĂ€che.

Heute ein Gang tief in den Trollenwald, den Tiveden. Ein Gang ins Nirgendwo, Ungewissheit schenkt Gewissheit, der Hund weiß, wo es langgeht. Begegnungen mit Riesensteinen mit dicht bewachsenen weißen, grauen und grĂŒnen Flechten, Urwald ĂŒberall und helle Hexenhaare winken uns. Barthaare der Trolle, dunkel und helle, verloren und hĂ€ngen geblieben beim Versteckspiel. Pippilotta spielt mit, verkleidet sich. Einer zeigt seine hellgrĂŒne Moosnase, der andere hat ein dunkelgrĂŒnes Dach ĂŒber dem Kopf.

Blicke hierhin und dorthin, wirklich alles aufnehmen schafft das Bewusstsein nicht. Mehr als das Nichts und die Stille erleben wir hier, Urgestein und Wildnis und Klein-Sein und Demut spĂŒren. Ein Moosbad nehmen, hineinspringen und lebendig sein. Bewusstseinslehrpfad, Achtsamkeit auch, das Jetzt, kein Spaziergang, eine Wanderung, die Unachtsamkeit direkt bestraft mit Stolpern oder im Moor einsinken.

Gewebter Wurzelteppich stĂŒtzt die rutschigen Wege und den quietschenden Morast. Hören, sehen, riechen, fĂŒhlen, spĂŒren, plötzlich Vaters Schraubengeruch, die Ahnen und Geister begegnen uns auch.

Liebevoll schmiegt sich ein Baum an den Felsen, Liebe bedeutet gehalten werden, sie verschmelzen Baum und Stein und zeigen es uns. Leuchtende Wassertropfen einer Urquelle vom Riesenfels springt er hinunter ins sanfte Sternenmoos. Manches Mal leuchtet das Weiß der Federnblumen in all dem GrĂŒn.

Blicke von den Höhen auf die Unendlichkeit der Seen, still und starr ruhen sie, rotblĂ€ttrige Seerosen. Schmale Stege verlangen den Blick zum Boden, darunter das Moor und spitzes Gras und Morast, „Matschepampe“, sagt Pippilotta.

Dieses Erlebnis in den Tiveden, das spĂŒren wir, eingebrannt in den tiefsten Zellen, wirkt so stark, die Entscheidung weiterzufahren das Ergebnis.

Den Blick auf den See, die Schatten und GraugĂ€nse und auch die mutige Frau, allein unterwegs mit Zelt nehmen wir wahr, die MĂŒdigkeit lĂ€sst es schemenhaft in den Hintergrund rĂŒcken. Die Millionen kleiner MĂŒcken bei einem GesprĂ€ch mit zwei Menschen aus Hannover, die Hunde spielen und balgen, der alte Hund wird noch einmal jung, spĂŒren wir erst zwei Tage spĂ€ter, der Kopf juckt, „grĂ€sslich“, sagt Pippilotta.

HJO, als Holzstadt beschrieben, verlassen wir schnell. Zu heftig die Welt da draußen. Ein Blick hierhin und dorthin, fertig. Das VĂ€tternmeer, so wird der riesige See genannt, begleitet uns bis Jonköping, ja, ein Meer. Unachtsamkeit lĂ€sst uns lange einen Platz suchen. Manche PlĂ€tze, auf einer Karte sichtbar, in der realen Welt nicht mehr vorhanden. HochmoorwĂ€lder und irgendwann eine HĂŒtte, mit Gras bewachsen und innen gefĂŒllt mit einem alten Ofen und alten Holzböcken. Eine RĂ€ucherei? Schön, sie entdeckt zu haben.

SpĂ€ter ein Campingplatzschild bei Gnosjö. Ein wenig altbacken, „propre“, sagt Pippilotta, aber einer netter Platzwart fĂŒhrt uns zu unserem Platz direkt am See mit Blick auf den Mittsommerbaum, dessen LupinenefeukrĂ€nze im heftigen Wind hin- und herschaukeln.

Die Sonne weckt uns am nĂ€chsten Tag, sie geht auf um halb vier, wir stehen spĂ€ter auf, lassen uns Zeit und fahren dann Richtung Smalandstenar, fĂŒnf Steinkreise warten auf uns. Sie sind kaum sichtbar, umgeben von hohen GrĂ€sern, weniger Kraftplatz. Eine Industriestadt nimmt es weniger wichtig, in diesem Land gibt es viele davon. Hier in dieser Gegend zeigt sich der arbeitende Alltag Schwedens. Schweden hat viele Gesichter.

Dann die Entscheidung, zurĂŒck zur KĂŒste, noch einen Tag am Strand erleben, die Sonne soll scheinen. Die Ostsee wirkt rau als wir ankommen, vor Strömung wird gewarnt. Wir genießen spĂ€ter dennoch einen langen Strandspaziergang und die Weite des Meeres und finden kleine Wurzeln und schwarze Steine, der mystische Löffel hilft spĂ€ter beim Kniffeln. „Kunscht“, sagt Pippilotta verschmitzt, den feinen, weißen Sand, den mag sie.

Gute Laune am Morgen, die Sonne wĂ€rmt die Luft und der Strandspaziergang nach KĂ€sberga zur leckeren RĂ€ucherei des ersten Urlaubstages dauert. ZunĂ€chst an leeren, bewohnten, großen, kleinen, liebevoll gestalteten, modernen bunten FerienhĂ€usern vorbei, ein kleiner von GrĂ€sern umgebener Pfad, dann im Sand, danach Kieselsteine, die das Laufen zum Rutschen bringen. Das kraftvolle Meer sĂ€ubert die Steine, zieht sie klangvoll zurĂŒck, es schenkt und manches Mal spuckt es auch aus.

Ein MĂŒllskulptur auf dem Weg, „das Meer will das nicht“, sagt Pippilotta.

Dem Findefuchs begegnen rote, schwarze, weiße Steine. Mineralien gefĂŒllt der eine, Kreide der andere, der leichte. Schweigend den letzten Tag genießen, leer werden und sacken lassen, all das einzigartig Erlebte, schon einmal, ein wenig.

Auf den Klippen, dort wo wir zu Beginn der Reise ins Pippilottaland den Schiffskreis erlebten, nahezu allein, sehen wir Paragleiter und entscheiden, da gehen wir jetzt nicht hin. In KĂ€sberga sehen wir die Touristen, die wir am ersten Tag erahnten, Mittsommer und die Ferien in Schweden beginnen. Wir essen dennoch leckeren Hering und suchen einen bequemeren RĂŒckweg, wollen ĂŒber die Klippen laufen.

Der Findefuchs sucht lange, erst einmal geht’s entlang der Straße, der LĂ€rm der Autos schmerzt in den an die Stille angepassten Ohren, dann doch hinauf auf die Klippen. Blicke erneut, nur blaues Meer, Felder auf der anderen Seite. Ein Bauer pflĂŒgt sein Kartoffelfeld und ein Greifvogelpaar schaut seinem Jungen beim FliegenĂŒben zu. Die sanfte Brise streicht ĂŒber die Weizenfelder auf der einen Seite, bewegte Bilder entstehen. Auf der anderen Seite, durch kraftvollen Klatschmohn sichtbar, das bewegte Meer.

Erneut Naturstille, erleben, aufsaugen und ruhig werden, plötzlich, der Weg geht nicht weiter. Über ZĂ€une steigen, durch Niemandsklippenlandschaft wandern, Kuhfladen umgehen und einen Hasen mit schwarzen Ohren Zickzack laufen sehen und das Meer. „Verbotene Wege gehen“, sagt Pippilotta fröhlich, ein bisschen Ă€ngstlich das Abenteuer erleben.

Und wieder zurĂŒck den letzten Abend genießen am Strand, RĂ€ucherfisch essen und die Welt wieder zulassen. Pippilotta steht mit ihrem gepunkteten Kleid auf einem roten Stuhl vor der SpĂŒle und ĂŒbt, wie es geht das SpĂŒlen auf einem Campingplatz in Schweden. Packen fĂŒr die FĂ€hre, morgen um 12.30h ab Trelleborg. Im Hintergrund eine schwedische Geburtstagsfeier mit schwedischen Liedern und fröhlichem Lachen.

Wir kommen wieder, Pippilotta. (Kabira I. Hesse, Copyright)

 

Nichts und Alles auf dem Niemandsberg

In einem Land im hohen Norden, dort wo Pippilotta wohnt, gab es einst einen hohen Berg, den Niemandsberg. Dort lebten seit jeher Feen- und Trollenvölker friedlich miteinander und hĂŒteten ihn. Die rĂŒstigen WĂ€chter am Fuße des Berges ebenso wie die leichtfĂŒĂŸigen HĂŒter hoch auf der Spitze des Niemandsberges, dort wo alle Seen zwischen den Steinen und WĂ€ldern zu sehen waren.

Feen, Gnome, Nebeltrolle, Kobolde und Wichtel, alle hatten ihren Ort im grĂŒnen, sanftweichem, sternförmigen Moos. Das GrĂŒn war so vielfĂ€ltig, wie die Wesen aller Völker auf diesem Berg. Sogar Steinbeißer gab es, große und kleine und Riesen. GutmĂŒtig waren sie, sie ließen die Feen und Trolle auf ihrem dicken, grauweißen Flechtteppich tanzen und springen.

Alle hatten ihren Platz und alle hatten ihre Aufgaben. Es gab KrĂ€uterfeen, die sammelten und pflanzten und hĂŒteten die so wertvollen KrĂ€uter des Berges. Sie heilten, sprachen Trost und hörten zu. Niemand konnte so zuhören wie sie. Es gab Feuerfeen und eine von ihnen, die runzelige Muria, sorgte fĂŒr das große Feuer. „Holt kleine Stöcklein, schön rund und trocken, damit das Feuer weiterglĂŒht“, rief sie ihren helfenden Feen zu. Schnell flogen die Feen davon um trockenen Reisig zu suchen. Um das Feuer herum war ein quirliges Treiben, es wurde gesungen und Harfe gespielt, getanzt und gelacht.

FĂŒrchterliche Trolle gab es auch, die, die Geisterwesen verjagten. Flinke Kobolde, die mit Spaß und allerlei Witzigkeiten die Wesen zum Lachen brachten, waren mal unten bei den BergwĂ€chtern, mal ganz oben, so dass alle Wesen ihr Lachen und ihre Freude nicht vergaßen. Die Gnome versorgten die Kleinstinsekten und die Wichtel kĂŒmmerten sich um die BĂ€ume. Ein emsiges Treiben ĂŒberall im Niemandsland, ein Klopfen hier, ein RĂŒtteln dort und dennoch, die Stille war allĂŒberall.

Auch Moore und mit rosa Seerosen bedeckte Seen gab es, es gab Vögel, kleine, die leise sangen und Bienen, die leise summten und MĂŒcken, die im Sommerglitzer tanzten.

Mitunter trafen sich die Bergwesen um das große Feuer, um Mutter Erde zu feiern, den Mond zu begrĂŒĂŸen, den Winter zu verabschieden. Dann tanzten sie um das Feuer herum, sangen und tranken und speisten die köstlichsten Beeren. GlĂŒcklich waren sie und zufrieden. Mitunter trafen sie sich um das große Feuer, um den Eintritt eines neuen Wesens in die Welt zu begrĂŒĂŸen, oder auch, um den Abschied einer geliebten Freundin zu beweinen.

Mitunter stritten sie, zankten sich um eine große Walderdbeere oder um das weicheste Moos. Sie stritten, aber sie kĂ€mpften nicht, sie nahmen das Leben ernst und doch, es gab immer eine oder einen, der an die Leichtigkeit und die Liebe erinnerte und so lebten und liebten sie ihr Leben auf dem großen, stillen, mitunter auch mĂ€chtig nebeligen Berg.

Sie waren alle miteinander verbunden, wussten um diese heilige StĂ€tte und achteten einander. Alle wussten um das große Ganze, um die Himmelswesen und um die allumfassende Liebe. Sogar Huddelfutz, das HutzelmĂ€nnchen, das plötzlich, völlig unerwartet aus seiner geheimen WohnstĂ€tte kam und die Kleinsten von ihnen piekste und zwackte, so dass einige erschreckten und schrieen und einige lustig vor sich hinkreischten. Das MĂ€nnchen kicherte in sich hinein: „Hab’ ich’s wieder geschafft“, und verschwand so schnell wie es gekommen war. Niemand sah es je, doch alle wussten um ihn.

Sogar Nichts, das Feenkind und Alles, das Nebeltrollkind, wussten um Huddelfutz, er wusste auch um sie. Nichts und Alles waren seit langem Freunde und spielten miteinander verstecken und manches Mal Ă€rgerten sie ihre Eltern, weil sie im dichten, grĂŒnem Gras nicht mehr zu finden waren. Sie hatten keine Angst vor dem HutzelmĂ€nnchen, sie sahen ihn nicht, hĂŒpften und flogen aber schnell hinfort, sobald sie seine NĂ€he spĂŒrten. Das nĂ€mlich konnten sie.

Eines Tages verĂ€nderte sich das Leben auf dem Niemandsberg. Alles und Nichts waren die ersten, die das Stöhnen und das Knacksen der Äste hörten. Bis der Ruf der WĂ€chter von ganz unten am Berg oben angekommen war, hatten Nichts und Alles mit dem Versteckspiel bereits aufgehört, nahmen sich Ă€ngstlich an die Hand und liefen auf schnellstem Weg in die nĂ€chst beste Höhle.

Ein Stampfen, Knurspeln und Stöhnen störte diesen heiligen Berg, einige Wesen konnte nicht schnell genug davon springen und einige ließen ihre Haare an einem Ast, weil sie so schnell, so unachtsam wegliefen, dass sie die Zweige nicht sahen. „Es geschieht Ungeheuerliches“, riefen die Ă€ngstlichen Wichtel. „Lasst’ uns schauen, wer uns besuchen kommt“, riefen die neugierigen Nebeltrolle. GoldfĂ€dchen, die Brunnenelfe, holte schnell den Eimer nach oben und versperrte den Brunnen. „Hui, schnell zu Mutter Eibelin“, sprach sie und flog davon.

Viele von den Bergbewohnern wurden verletzt, einige starben gar und ein Grauen ging um. Wer war dieser Riesenwichtel mit dieser krumpeligen, dunklen Jacke und dem rauchendem Stock im Gesicht? Was wollte er in ihrem Wald? Sie fĂŒrchteten sich, die Feen und Trolle, und guter Rat war teuer. So etwas war ihnen in ihren kĂŒhnsten TrĂ€umen nicht begegnet.

Der Riesenwichtel ging hoch und runter und Ă€chzte und schnaubte. Nichts und Alles hielten aneinandergehockt an den HĂ€nden, hörten diese seltsamen GerĂ€usche, die sie nicht kannten und zitterten am ganzen Leibe. „Was sollen wir nur tun, wer ist das?“, fragte Alles leise. Nichts wusste keine Antwort, nahm sie liebevoll in seine Arme.

Dennoch krochen sie leise, leise zum Licht, als sie gegenĂŒber auf dem höchsten, mit dicken Flechten ĂŒbersĂ€ten Stein des Berges den Riesenwichtel sahen, so groß, so unheimlich, so stark. Neugierig waren sie, die beiden. Die Arme des Riesenwichtels wiesen zum Himmel und er jauchzte und lachte und tanzte. Offenbar freute er sich. Seltsame Töne gab er von sich. „Uaaah, ohhh, wie schön! Was sehe ich hier, wer wohnt hier, was geschieht mit mir?“

Vor Schreck fielen einige Wesen, die in der NĂ€he waren, in Ohnmacht, einige wurden auch neugierig und flogen um seine Nase herum. Es bemerkte sie nicht, scheuchte die MĂŒcken weg. Oder – spĂŒrte er sie doch? Manches Mal schaute er still herum, schaute suchend hin und her.

Nichts flĂŒsterte: „Komm, Alles, wir laufen zu ihm“, so groß war die Neugierde in dem kleinen Nebeltroll. Nichts und Alles nahmen all ihren Mut zusammen und liefen zu dem Riesenwichtel hin und zogen an den Hosenbeinen, zupften und rĂŒttelten. Nichts rief: „Hallo, Du seltsamer Riesenwichtel, schau, dies ist unser Ort, er ist heilig.“ „SpĂŒrst Du es?“, fragte Alles laut und klopfte auf die großen braunen Schuhe des Riesenwichtels. Der Riesenwichtel hielt inne, als hĂ€tte er verstanden.

Alsdann der Riesenwichtel ging weiter, rutschte aus, zog sich wieder hoch, setzte sich und stopfte Beeren in sich hinein, trank aus den Quellen und sprang sogar in einen See und schwamm darin. All dies sahen die erwachsenen Wesen und wussten nicht ein noch aus.

Sie trafen sich, als der Riesenwichtel wieder fort war, die Stille des Berges sie wieder tröstete und berieten sich am großen Feuer. Was sollten sie tun, sollte noch einmal ein Riesenwichtel auf ihren Berg kommen? Truruh, ein Nebeltroll, der seine Eltern verloren hatte, fragte verĂ€ngstigt: „Was sollen wir nur tun, wenn mehr von diesen Riesenwichteln kommen? Sie werden uns fangen und unseren Wald zerstören. Wir mĂŒssen den Berg und uns alle schĂŒtzen! Wir mĂŒssen mit allem, was wir haben, kĂ€mpfen!“ Die Feen, allen voran Eibenkind, aber riefen: „Nein, wir mĂŒssen sie liebevoll umfangen und ihnen einen Weg bereiten, dann spĂŒren sie uns und werden uns achten. Lasst uns in ihre TrĂ€ume fliegen, dann werden sie uns sehen!“ „Welch ein Blödsinn“, riefen die Gnome, „niemals werden sie uns sehen, das hat dieses Ding doch jetzt auch nicht, nur schreien und zerstören konnte er!“

Sogar die Wurzelkinder in der Erde hörten die Wesen oben ĂŒber ihnen sprechen und rufen, durcheinander und mĂ€chtig laut, wie nie zuvor. „Was geht da oben vor sich?“, fragte Vergissmeinnicht. Die Wurzelkinder lugten vorsichtig durch die winzigen Mooslöcher nach oben. Ganz leise sangen sie ihr Lied, um die Wesen zu besĂ€nftigen und zu beruhigen. „SpĂŒrt Euer Vertrauen! Sorgt Euch nicht!“ Die Himmelswesen taten es ihnen gleich: „SpĂŒrt Eure Liebe, dann wird alles gut!“

Und siehe da, die Feen, Trolle, Gnome und Kobolde wurden still, lauschten in ihren Berg und in ihre WĂ€lder hinein und begaben sich zur Ruhe.

Bald darauf, die Nebeltrolle waren hoch auf den Berg gekrochen, wurden die WĂ€chter am Fuß des Berges von einem LĂ€rm geweckt, den sie noch nie gehört hatten. Erneut warnten sie, nicht immer frĂŒh genug. Erneut hörten die Wesen das Stöhnen und Ächzen, lauter noch und nicht nur ein Riesenwichtel kam den Berg herauf, nein viele, sie bauten Stufen um Stufen, zerstörten Moosfelder und schlugen BĂ€ume. Aber, sie hielten immer wieder inne, fragten die Baumwesen vorher, ob sie sie schlagen dĂŒrften. Die BĂ€ume ließen es geschehen, als wĂŒssten sie um ihre Aufgabe.

Nichts und Alles schauten neugierig aus ihrem geschĂŒtzten Trollhaus auf das Treiben der Riesenwichtel. Sie waren seltsam achtsam, die großen Ungeheuer. Nur wenig verĂ€nderten sie, als wĂ€ren sie mit allem verbunden. Immer wieder sprach der Riesenwichtel, welcher als erster ihren Berg betreten hatte, zu ihnen und sie handelten nach seinem Wollen.

Nichts und Alles sahen dies, waren so neugierig, wie nie zuvor. „Was geschieht da?“ fragte Alles. „Hat es uns gehört, uns wahrgenommen?“ „Ja“, antwortete das Nichts unglĂ€ubig staunend, „ sie achten unseren Berg, die Riesenwichtel, als wollten sie teilhaben, nicht zerstören!“ Sie nahmen sich in die Arme und tanzten, schwebten sanft ĂŒber das grĂŒne Moos auf das Dach ihrer Höhle und sangen und so hörten es die anderen und taten es ihnen gleich.

Bretter wurden durch das Moor gelegt, ganz schmale Bretter. Stufen wurden in die Steinbeißer gemeißelt. Die riefen: „Uui, das kitzelt!“ Und irgendwann kamen die Riesenwichtel mit all ihrem GepĂ€ck wieder bei den WĂ€chtern am Fuße des Berges an. Sie verneigten sich, als sĂ€hen sie die WĂ€chter.

Die Wesen des Niemandsberges waren traurig und mussten lange um das Feuer tanzen und trauern. Dennoch fĂŒhlten sie, das UnberĂŒhrte ihres Berges war geblieben. Der erste Riesenwichtel hatte sie gesehen, wie sonst nur Kinder Feen und Nebeltrolle wahrnehmen konnten, es hatte ihre Liebe gespĂŒrt, das Wundersame dieses Ortes in sich fĂŒhlen können.

Immer wieder kamen Riesenwichtel, manche von ihnen rannten durch den Feentrollenwald ohne rechts und links zu sehen oder zu spĂŒren, welche Kraft von diesem Ort ausging. Andere aber blieben stehen, leuchteten in ihrem Inneren und verbanden sich mit den Wesen und erkannten.

Dann zeigten sich auch Nichts und Alles, die Jahr um Jahr miterlebten, dass die Riesenwichtel ihren Platz heiligten und sie dankten dem ersten von ihnen, dass er sie gehört und gefĂŒhlt hatte. „Schön“, sagte Nichts zu Alles, „dass es Riesenwichtel gibt, die die Kraft und das Geheimnis dieses Ortes spĂŒren.“ „Ja“, sagte Alles, „wĂŒnschen wir ihnen, dass sie die Kraft und die Liebe mitnehmen und in ihrem Herzen weiter tragen.“

So entstand im hohen, kalten Norden ein Riesennaturreservat, die Tiveden, weil ein Mensch das Besondere, das Geheimnisvolle, die Liebe, das Nichts und das Alles wahrnehmen konnte und wusste, dies alles muss geschĂŒtzt werden. Und so ist es bis heute und fĂŒr alle Zeit.

(Irmgard Hesse, 09.10.2015) (Copyright)

 

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