Geschichten und mehr

Erfahrungsbericht zur 2jährigen Ausbildung „Living the Gestalt“

Zwei Ausbilungsseminare hatte ich bereits verpasst, als ich mich mit 54 Jahren dazu entschied, mich, trotz all’ meiner bereits vorhandenen Erfahrung als Atemtherapeutin und diverser Gaps und Assistenz bei Rajan und Deva Prem, für die zweijährige Ausbildung „Living the Gestalt“ anzumelden.

Die Primärtherapie hatte ich erlebt, so konnte es, auch mit einigen Widerständen was Protokoll und Referat anbelangte, im Dezember 2015 beginnen.

Die ersten zwei Wochenenden waren ein vorsichtiges Kennen lernen der 24-köpfigen Gruppe und der vier Assistenten, ein Kennen lernen der Gesprächstherapie von Carl Rogers, in meinem Empfinden die Grundlage jeglicher therapeutischen Arbeit.

Ein Schnuppern in die Arbeit von Fritz Perls, die ersten Demositzungen in der Runde von Deva Prem und Rajan, die mich immer wieder sehr beeindruckten, wie empathisch, wie präsent, wie auf den Punkt bringend, wie auch schwierigste Momente liebevoll begleitend sie arbeiteten. Diese Demositzungen ließen die Arbeit von Fritz Perls lebendig werden und durch sie lernte ich immens viel.

Wir übten zu zweit, wir übten zu dritt. Von Beginn an steht die Übungssituation, neben der Morgenrunde, in der jede/r von sich erzählt, von dem, was sie im Hier und Jetzt gerade bewegt, im Vordergrund. Wenn’s schwierig wurde, begleiteten die Assistenten/innen hilfreich, sie waren immer präsent, wenn wir – in welcher Form auch immer- Hilfe brauchten.

Deva Prem und Rajan hielten den Raum der Gruppe, vermittelten die Arbeit von Fritz Perls fundiert, klar und setzten Grenzen, wenn es in der Gruppe mal zu sehr „brodelte“. Der Gruppenprozess ist Teil der Ausbildung, sicher, aber allzu sehr in eine Encountergruppe sollte es nicht gehen, der zeitliche Rahmen ist begrenzt. Nicht zuletzt aufgrund der Erfahrung des engen zeitlichen Rahmens gibt es jetzt ein einjähriges Aufbautraining mit einem Encounter-Wochenende.

Die Woche auf Mallorca war ein besonderes Sahnehäppchen, die Gruppe wuchs tiefer zusammen, eine heikle Situation wurde gemeistert, alle kamen wieder, niemand stieg’ aus. Wir konnten nicht nur üben, üben, üben, wir konnten schwimmen gehen und wurden mit dem leckersten Essen bekocht. Mallorca wird nun Parimal, sicher nicht minder intensiv.

Hier und Jetzt und Kontakt. Wie gehe ich empathisch in den Kontakt und bleibe trotzdem bei mir, eine Grundlage der gestalttherapeutischen Arbeit. Kontakt mit mir, Kontakt mit den anderen, immer wieder, sei es im inneren Dialog, sei es im Tanzen, sei es in der Meditation. Meditation, ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung. Spiritualität, ohne sie geht es nicht, Deva Prem und Rajan leben sie, missionieren nie. Vielleicht entschieden sich gerade deshalb einige aus der Gruppe, Sanyas zu nehmen. Die Feiern waren tiefe, freudvolle Erfahrungen, es gibt keine Worte, die Liebe, die Verbundenheit in diesen Feiern zu beschreiben.

Psychodrama und Träume, Mann und Frau und auch die Gestaltgrundlagen, nie wurde es langweilig, wir lachten und weinten, wir lernten unser Anderssein zu tolerieren und spielten auf der Bühne, auf der ein Kartoffelsack und auch Gorillas uns lachende Tränen ins Gesicht trieben.

Die Neurosen wurden gelebt, erkannt und in Referaten deutlich im Unterschied zu Sigmund Freud beschrieben. Ein wichtiges Modul. Die eigenen Manipulationen zu erkennen. Wie genau mache ich es, die Verantwortung zu verschieben, nicht erwachsen und autark mein Leben zu leben? Welche Neurosen schlummern in mir, diese Erkenntnis hilft beim Begleiten der Menschen, die zu uns kommen. Zu sehen, zu fühlen, wie sie versuchen, uns zu manipulieren, sich selbst auch.

Nicht nur die ein, zwei, drei Bücher, die zu lesen ein Muss, Sollte, Kann, Darf sind, auch die Referate und Protokolle, die ließen bei manch’ einer/einem den Schweiß ausbrechen, aber sie unterstützten die gestalttherapeutischen Übungserfahrungen, und sie verdeutlichten mir Fritz Perls, seinen Hintergrund, sein Neurosenmodell und den Einfluss auf die Gestalttherapie. Sie sind für mich ein Geschenk. Fritz Perls wurde Gestalt. Intuition und Wissen konnten sich in mir verbinden.

Zu sehen und zu spüren, wie sehr sich die Gruppenteilnehmer/innen, ich mich und  auch die Assistenten, auch Deva Prem und Rajan sich innerhalb der zwei Jahre veränderten, beeindruckte mich und unterstützte meine Überzeugung, dass die Gestalttherapie Fritz Perls’ mein Weg ist. Kleine Übungssequenzen (das Pendeln, Identifikation, Wahrnehmen was sich jetzt zeigt, Arbeit mit dem inneren Kind) zeigten und zeigen oft große Erkenntnisse, sei es in der Ausbildung, sei es in meiner Praxis.

Eine fundierte, lebendige Ausbildung, selten langweilig, manchmal in der langen Morgenrunde; selbst dann lernten wir: „Die Müdigkeit zeigt etwas von dem, was gerade gesprochen wird, das hat mit Dir zu tun.“

Wenn Deva Prem und Rajan in Ihrem Flyer schreiben: „Wir wünschen uns, dass unsere Absolventen belebte, beseelte, beherzte Menschen sind und jeder aus seiner individuellen Geschichte und aus seiner Lebenssituation heraus eine eigene Arbeitsweise findet und dennoch eindeutig als Gestalttherapeut zu erkennen ist.“, dann mag ich nur sagen: „Es gelingt Euch, genau dieses zu vermitteln. Ich werde meinen Weg als Gestalttherapeutin gehen, mit meinem Hintergrund, mit meiner Lebenssituation und mit der Erfahrung und dem Wissen was ich aus der 2jährigen Ausbildung mitnehmen durfte.“ Ich danke Euch von Herzen.

Wer diesen Weg wählt, wird durch’s Nadelöhr gehen, ein Verstecken gibt es nicht. Einmal dadurch, lebt es sich leichter, lebendiger und intensiver, ein Weg nicht nur mit dem Ziel Gestalttherapeut/in zu werden, ein Weg zu sich selbst. Ich, Kabira I. Hesse, kann ihn aus tiefstem Herzen empfehlen.

Köln, 05.04.2016

 

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Reise ins Pippilottaland

Gepackt, noch schnell den „Hurenabend“ in Bonn genießen, drei Frauen und ein Mann am Klavier im Casino des Pantheon, Freunde treffen, Tschüss sagen.

Wir fahren los, gemütlich, erinnere mich an Worpswede, an Paula und den Vater, das Geburtshaus, bis dahin können wir es schaffen. Kein Stau auf der Autobahn, kommen gemütlich an, dort auf dem Campingplatz am See, wo Platzwart Ute das Sagen hat. Sie drückt auf einen Knopf am Hals, damit die Worte bei uns ankommen, das bemerken wir erst beim zweiten Hingucken, auch die Perücke. Sie ist freundlich, das Gesicht eher zurückhaltend, ängstlich, sie kümmert sich um den Platz, um die Menschen.

Kinder spielen an dem See, auf den wir durch die Vorderscheibe des Wohnmobils den tieffliegenden Schwalben zusehen können. Nah an der Wasseroberfläche scheinen viele Insekten zu leben.

Der Gang durch Felder und Pflasterstraßen dauert, die Füße bemerken es, der Unmut wächst auch. Wir wollen etwas essen, die Erwartung wird enttäuscht. Touri-Kunst nennt Peter die Fußgängerzone von Worpswede. Das Haus von Paula am Ende, eher unscheinbar gelb, eine braune Holzstatue an der Wand. Ihr Kopf, oben aufsitzend, kaum erkennbar. Oben, oberhalb der von Rosen umrankten Haustür schauen Vater und Tochter aus dem Fenster, sie schauen eher skeptisch in die Ferne, die Touristen sehen sie nicht.

Wir finden ein Kaffee, etwas ruhiger gelegen, das Bier schmeckt, der Flammkuchen, eher eine dickbelegte Käsepizza, nicht wirklich, aber sättigt, der Unmut verschwindet und wir belächeln die Läden und Lädchen des kleinen Dorfes. Auf dem Rückweg finden wir die alten Gebäude, fühlen die Tochter jetzt eher, spüren, dass Vater und Tochter die Weite der Felder geliebt haben könnten, die Stille auch, der flieht die Tochter Paula, später, genießt Paris. Das Alte überdauert im Empfinden, nicht im Sehen.

Wir schlafen gut in der Stille, der Kuckuck weckt uns und wir kommen früh los. Noch einen Hundespaziergang entlang der Hamme, noch ist es ruhig am See.

Wieder kein Stau, kommen früh an in Travemünde, zunächst das Büro suchen, die Unsicherheit des Checkin befriedigen. Die Riesenmäuler der Fähren sind noch geschlossen. Beim Anblick der Giganten der TT-Line oder Stena-Line erreicht deren Größe mein Herz, lange keine kindliche Erregung mehr wahrnehmen können wie diese.

Doch zunächst noch die Sonne am Timmendorfer Strand genießen, der hochgelobte, beworbene Strand. Wir erleben ihn künstlich, das weiße Yin-Yang-Haus erschreckt eher, wird belächelt. Die Fischernetze und die alten Boote im Hafen erreichen unsere Herzen tiefer, wir genießen das Bier und beobachten die Möwen, die finden hier immer etwas. Deren Geschrei begleitet uns durch Schweden – fast überall.

Der Schlund ist geöffnet, wir beobachten die Kunst des Fahrers, der die Container hin- und herschiebt, bis es passt, seinen Sitz und den Lenker mal nach vorne, mal nach hinten drehend, konzentriert, es will alles geübt sein, schnell muss es gehen. Die Lkws stehen auch bereit, uns wird gewunken und wir verschwinden im Schlund der Fähre. Mehr als 100 LKW folgen, später, werden verschlungen. Das Testosteron der Fahrer ist spürbar auf der Fähre, überall.

Die Fähre selbst erinnert eher an ein Hotel, die Flure schmaler, die Klimaanlage surrt. Der Ausblick der Kabine ein Traum. Später schaue ich zu, wie das Schiff den Hafen verlässt, zwischen blinkenden roten und grünen Bojen navigiert, noch sind Häuser zu sehen, Land, dann verbinden wir uns mit dem WasserNichts.

Ein Whisky muss gekauft werden, dann draußen schauen, das Meer, den Hafen, die Größe des Schiffes erleben. Oben auf Deck 10 die aus Kuba mitgebrachte Zigarre genießend, verabschiedet Peter sich von Deutschland, sieht die Häuser kleiner werden, der Hund will nicht auf dem eigens dafür gebauten Hundeklo pieseln, riecht alles nach Desinfektionsmittel.

Noch eine Weile die Unendlichkeit des Wassers genießen, dann schließen wir die Vorhänge, das ist ein Muss, die Crew wird vom Licht unserer Kajüte geblendet. Dann schlafen bis das schwedische Licht die Kabine erreicht, der Morgen kommt früh in Schweden. Um sechs spricht uns die Lautsprecherinnenstimme ins Ohr, Frühstück ist fertig, wir schlafen noch etwas.

Der Hafen von Trelleborg am Horizont, Schweden ist sichtbar, die Sonne begrüßt uns. Plötzlich geht es schnell, das Ankommen im Pippilottaland.

Eine Tasse Kaffee und Brötchen wären jetzt, nachdem wir den Koloss verlassen haben, den Gigant, der das Meer verunstaltet und die Menschen in Schweden versorgt, ihnen auch Arbeitsplätze bietet, ein Geschenk.

Die Stadt, sie schläft noch, schwedische Geschäfte öffnen später, die Nacht kommt spät im Juni. Wir finden eine Tankstelle, die ersten schwedischen Worte hören, Englisch sprechen, das ist selbstverständlich für die Menschen im Land von Astrid Lindgren.

Wir fahren entlang der Küste Richtung Ystad, finden ein Plätzchen in der Nähe des bereits glitzernden Meeres, genießen das Frühstück, frisch ist es schon hier im Norden. Der Hund findet einen Platz mitten in den blühenden Gräsern, er ist zufrieden, ruhig, wir sind ja da. Über blühende Felder, auf denen Kühe grasen, die Sicht zum Meer. Eine besondere Stille gibt es in Schweden, selten fährt ein Auto vorbei oder eine Fahrradfahrerin, die gegen den Wind kämpft. Gefühltes Glück, endlich.

Ystad erreichen wir schneller als das Navigationsgerät es anzeigt. Schweden zeigt sich weniger europäisiert als Frankreich oder Italien, wo es alles gibt, was Deutschland hat und umgekehrt. Schweden hat seinen Ursprung erhalten, nicht überall Reklameschilder, weniger Lärm auch im Städtchen Ystad, langsamer gehen die Menschen in der Stadt von Walander, Mankells Kommissar.

Heute fahren wir mit dem Fahrrad Richtung Ystad, der Campingplatz liegt etwas außerhalb. Wir genießen die alten Bauten der Stadt, St. Maria’s Kyrka und den Klostergarten, mit Buchsbäumchen umrahmten Beete wie damals auf dem Hof meiner Großeltern im tiefsten Westfalen, vertraute Gerüche im fremden Schweden, dort, wo die hellgelben Briefkästen eher unscheinbar wirken. Alte Fachwerkhäuser und kleine Gassen, sie werden beschrieben in den Reiseführern, wir betrachten sie und genießen zum Schluss leckeren Fisch, draußen sitzend, um die Ecke vom Marktplatz. Lightbier und Kaffee inklusive, das holen sich die Schweden selbst.

Eine Eigenart, die auffällt, gläserne Kaffeekannen stehen überall, auch in den Kaffees oder in der Butik des Campingplatzes, die Tassen auch, den Kaffee, den holt man sich hier, eine Tasse muss bezahlt werden, der Nachschub ist umsonst.

Noch einen Abendspaziergang durch ein Joggingwäldchen mit unterschiedlichen Routen, die unterschiedlich lang dauern. Kiefernduft und blühenden Vergissmeinnicht begleiten uns. Die kalte Luft der Nacht rückt heran, die Schweden sitzen draußen, genießen den Sommer.

Wieder scheint die Sonne, ein langer Strandspaziergang nach langer Autofahrt muss sein, eingemummelt, damit der Wind nicht durchgeht. Nicht nur die schwedische Jugend auch Alte sonnenbaden im Bikini, mir fröstelt es beim Anblick, was bin ich verpimpelt.

Obwohl, vielleicht doch ins Meer, mit den Füßen, die Vernunft siegt. Kaum Muscheln sind zu finden, Steine ja und Bunker, viele, zubetoniert, dennoch eine Erinnerung an die bedrohliche Zeit. Wir setzen uns oben drauf, genießen für einen Moment das Licht, den Wind, die Stille, das WasserNichts fühlt sich anders an, rauer, näher. Jetzt hat der Bunker eine friedliche Aufgabe.

Eine kalte Nacht erleben wir und einen sonnigen Morgen, weiter geht es immer an der Küste entlang Richtung Käseberga, Wiesenwüsten, bunt und licht, versteckt immer wieder weiße Steine, der nähere Blick verwandelt sie in Kühe. Der empfohlene Campingplatz zu nah, wir wollen doch noch höher die Ostküste Schwedens erkunden.

Die Begegnung magischer Orte erleben wir vorher. Ales stenar, 700 Meter auf einem Hügel gelegen, ein Grab der Wikinger wird unter dem Steinkreis vermutet, erbaut wie eine Schiffsform. Es wird still in uns, als wir den Blick auf das unendliche Meer schwenken. Stiller noch, als wir die Unendlichkeit fühlen. Blau ringsum, Nichts erneut spürbar, die sanft kreischenden Schwalben stören das Nichts nicht.

Ein Kaffee oder Souvenirstände finden wir nicht. Der Ort darf magisch bleiben.

Wir gehen hinunter an den kleinen Hafen von Käseberga, dort, wo die Aalräucherei anderen Duft in unsere Nasen bringt, hier findet sich auch ein Souvenirladen, Elche fehlen nicht, in jeglicher Form. Es lässt mich grinsen und weitergehen. Der geräucherte Lachs mit zu Eisbällchen geformtem Kartoffelpüree teilen wir uns, lecker, sitzend am Hafen, dort wo es noch ruhig ist, die Sommertouristen kommen später, wir fühlen die Menschen, die Massen, die diesen Ort dann belagern.

Blau, rot und gelb und grün, noch satt wie im Mai in Deutschland, leuchtet die Steilküste rundum. Die Seele springt vor Glück bei der Blüte, Flieder in drei Farbschattierungen, auch als Hecke geschnitten.

Dem Hund ist’s genug, er legt sich schlapp hin, direkt, wenn wir stehen bleiben, sein Alter macht sich bemerkbar. Wir gehen zurück zum Auto, fahren weiter Richtung Glimmingehus, die älteste Burg Schwedens, gut erhalten, schreiben die Reiseführer.

Hügelig zeigt sich die Landschaft und still, vereinzelt kämpft sich wieder eine Fahrradfahrerin durch den Wind. Hier und da Höfe, rot angestrichen, immer liebevoll mit Blumen geschmückt, alles wirkt niedlich klein in dieser weiten Landschaft, in diesem Land, wo die Autos langsam fahren, eine anderes Zeitgefühl lebt sich hier.

Keine großen Schilder weisen auf die Burg, wir müssen sie suchen, irgendwo ein Hinweis und dann auch Eintritt und eine Butik, in der wir die Eintrittskarten kaufen. Eine Oma sitzt auf dem Hof mit ihrer Enkelin, der schwarze Pranger im Hintergrund. Gepflegt und sauber, bestens restauriert zeigt sich die Burg.

Breite Treppen in die Tiefe, breite Treppen, abgelaufene Steine drei Stockwerke hoch, die Bänke in den Fensternischen lassen Bilder von stickenden Burgfräulein wach werden. Überall Schießschächte, nach außen und nach innen in ein anderes Zimmer. Hier zeigt sich Angst, überall.

Ein Wassergraben außen herum und vom Hof geht es in die Wirtschaftsräume, liebevoll gestaltet mit getrockneten Kräutern und getrockneten Brotscheiben am Balken, die Vorstellung von arbeitenden Frauenhänden und geschäftiges Gemurmel rutscht nach vorne.

Alte Gefäße in Vitrinen und plötzlich ein Raum für Kinder, hier können sie spielen, Burgfräulein und Ritter während die Eltern die Burg besichtigen, ganz frei ohne Verbote. Selbst die Kirchen zeigen Verständnis für Kinderlebendigkeit, es gibt immer eine Spielecke, sprechen und Kinderlachen während des Gottesdienstes? Ja, bitte!

Ein Kaffee mit leckerem Kuchen, die Bedienung spricht Englisch, wie fast alle Menschen in Schweden, sie packt uns den Kuchen ein und gibt ganz selbstverständlich unendlich leckere Vanillesoße dazu, den Kaffee kochen wir im Bus.

Wir übernachten unter Kiefern auf einem Hügel in Ahus, ruhig und windstill. Sitzen lange draußen, ein Greifvogel, zum Greifen nah über unserem Kopf, verschwindet im Wald zur Nachtruhe. Krähen schreien immer, schwarze, auch Nebelkrähen. Schweden, das Land das Krähen, magisch oder unheilvoll?

Am Strand grillt die Jugend und schreien die Möwen. Hütten, Ferienhäuser, Cafés und Restaurants überall, still noch, friedlich, bald, in drei Wochen, wird es laut. Dann nutzen die Menschen den kurzen Sommer.

Frühstück draußen, warm genug und Pippilotta begegnet uns, zunächst weit weg das Kinderlachen, vier Kinderbeine laufen zum weit entfernten Müllplatz, zwei davon wackelig, immer hinter den großen Beinen der Schwester hinterher, lebendig genießen sie die Welt, die schwedischen Eltern nicht zu sehen.

Hier dürfen Kinder Pippilotta sein, frei, nicht in Sichtweite. Die Große kommt später mit dem Fahrrad mit bunten Kleidchen und verschiedenen Socken, ohne Helm, sie umkreist den in der Sonne liegenden alten Hund, schaut zu ihm, verliert fast die Balance, näher traut sie sich nicht. Später in Karlskrona, sehen wir Pippilotta mit 19, pinkrotweißgelbe dicke Rasterlocken, bunte Kleider und verschieden farbige bunte Socken, zwei mal drei macht vier widewidewitt und drei macht neune.

Endlich das „richtige“ Schweden sehen, in Richtung Landesinnere, Seen überall, unmittelbar an der Autobahn und Wälder überall, Licht- und Schatten. Das erste gelbe Vorsichtschild: Elche queren die Straße! Ein Plateau und Skilifte, schwarze Männer verteilt auf den frisch gesäten Feldern, bunte, kraftvolle Farbkleckse der Blumen inmitten des satten Grüns der Wälder, oft NICHTS. Auf einem wackeligen Steg liegt einsam ein junger Mann, dort wo das Schilfgras leise im Wind sich bewegt und die Sonne den See glitzern lässt.

Bunte Häuser und Steine und Felsen. Asterix’ Hinkelsteine, mittendrin im riesigen Feld, ein Hase auch, frisst das frische Gras, lässt sich von der Mittagshelligkeit nicht stören. Viele weiße Veranden, Pippilottas Pferd sehen wir nicht, auch Herr Nilson hat sich versteckt.

Am Hafen von Karlskrona sitzen, die Sonne wärmt uns. Kaffee trinken mit Blick auf kleinste Inselchen im weiten Meer. Die im DHL-Gelb gestrichene Fähre kommt in den Hafen gefahren, hundert von ihr hätten in die TT-Line-Fähre hineinpasst, ein DHL LKW verlässt das Schiff. Dann wieder die ruhige Ostsee.

Die Stadt selbst erschrickt uns eher, groß und laut mit Millitärgesicht. Einzig die Kinder, sie feiern irgendwie, Einschulung und Ferienbeginn, die Eltern tragen auf Plakaten große Fotos und Blumensträuße überall, quirlige Lebendigkeit. Geschmückte Anhänger werden von geschmückten Treckern gezogen, Discomusik für die Abiturienten. An den Bierflaschen Blumensträuße. Fremde Sitten, Rituale und doch vertraut.

Wir kaufen einen Rucksack, Hustensaft und schnell zurück, weg vom Marktplatz mit der großen Admiralskirche, durch ruhigere Gassen zum Hafen und weiter Richtung Kalmar einen Platz zum Verweilen finden.

Kristianopel, eine zwei Kilometer lange Stadtmauer schützt die Camper vor dem Meereswind. Die schwedischen Camper erfreuen sich am frühen Sommer, sitzen bis spät in kurzen Hosen vor dem Bus, wir mit dicken Jacken, der eisige Wind. Wir schlafen fast 10 Stunden in der tiefen Stille.

Kristianopel lädt ein zu bleiben, einen ruhigen Tag erleben. Die alte Kirche mit dem dänischen Treppengiebel trifft unsere Seelen. Alte Grabsteinplatten, wunderbare Lüster an der Decke und wieder eine Spielecke für die Kinder und ein Wohnzimmertisch mit vier Stühlen. Ich betrachte und fühle die Kirche, als plötzlich eine deutsche Stimme die Kirche beschreibt, per Knopfdruck erfahren wir die Geschichte der Kirche, auch dass König Carl Gustav hier war und auf dem altwackelig wirkenden Königsstuhl gesessen hat, seine Unterschrift steht an der Wand.

Es lässt sich spazieren gehen auf der alten Befestigungsmauer, die nur noch halb so hoch ist wie zu Kriegszeiten mit den Dänen. 80 Menschen wohnen in Kristianopel, wie still wird es hier sein im Winter. Fahrrad fahren durch Felder und Wälder, ein Milan sucht eine Maus, einsame Bauernhöfe und dort eine Lila Butiken mit Kunsthandwerk.

In Schweden spüren wir die Stille, ganz nah.

Pippilotta liegt mit blauem Hut und geblümten Kleidchen auf einer gelben Wippe, hält sich mit ihren kleinen Händchen ganz fest und schaut voll Freude und Bewunderung den sie wippenden Papa an. Pippilotta schwingt in der Luft.

Von Kristianopel Richtung Kalmar an der Küste entlang. Kalmar mit einer sehr touristischen Befestigungsburg, gut restauriert, für uns zu gut, bleiben draußen und schlendern langsam in die Innenstadt Richtung Domkyrka, Barock, groß und hell und überall Blattgold und einem freundlichen Empfang vom Pfarrer. Rechts vom Eingang grüßen uns ein Hund und ein Nashorn aus der Spielecke.

Hell und mit hoher, leuchtender Kuppel und freundlich erleben wir die Kirche, christlicher Glaube gemischt mit einem Meditationsweg, den Weg zeigen in Rottönen gehaltene Kugeln auf Säulen. Wir gehen die Rundtreppe hoch zu den Balustraden und sehen im „zweiten Stock“ Büros der Pfarrei, wir genießen einen Moment die Stille und die Dämonen der Leuchter und Bilder.

Entscheidung auf Öland zu verweilen, eine Insel, wir sind keine Insulaner, bemerken wir am Abend, als der frische Wind uns schnell in den Bus klettern lässt. Die Insel zeigt sich mit Steppenlandschaft und vielen Miniwindmühlen, so wie auf den Feldern auf dem Weg nach Kalmar Miniheuballen liegen. Schweden zeigt sich kleiner, nicht nur in der Bauweise der Häuser.

In der Hauptstadt Borgholm, der Hauptstadt der Insel, die am Sonntag verschlafen wirkt, zeigt sich wie eine Stadt im Ruhrgebiet, hier und da ein paar Menschen, geöffnete Läden, in die niemand hineingeht. Wir essen eine Pizza, eine davon eine Labyrinthpizza, selbst die Pizza ist mystisch, schreibt eine Freundin, als sie das auf whatsapp gesendete Bild sieht.

Pippilotta zeigt sich heute als Pippikarlson, mit schnellem Fahrrad und blauem Helm mit roten Irokesenhaaren obendrauf, mit wildem Geschrei fährt er in Richtung See.

Der Morgen zeigt sich auf dem Klinta Camping windig und frisch, ohne Fleecepullover oder Windjacke frieren die Menschen in Schweden auch im Sommer. Auf dem Rückweg Mohnfelder leuchtend und Steppenlandschaft. Unter der Brücke kleine Vogelinseln und das glitzernde Meer, erneut.

Einkaufen im ICA Supermarkt, wer Bioware sucht, wird enttäuscht, hier und da mal ein Eco-Schild auf der Ware, in kleinen Läden gar nicht. Die Natur draußen entschädigt uns.

Ein einsamer Platz irgendwo im Nirgendwo an einem der unzähligen Seen, wieder Nichts, Stille, Vogelstimmen, Rauschen der Bäume. Bevor eine Familie den Platz besucht, gehen wir, fotografieren noch die kleinen gelben Orchideen neben unserem Bus.

Vorher unendliche wilde Landschaft, mittendrin im mal lichten, mal dunklen Wald dicke Felsbrocken. Die Blumen lassen sich nicht stören von den Autos, gibt es nur wenig Abgase hier. Eine Farbpalette von Flechten auf dicken Steinen, violette, rosafarbene, weiße und lila Lupinen. Weiße Margariten leuchten vor lilafarbenen kleinen Blumen und plötzlich auch eine Moorlandschaft mit gelb leuchtenden Lilien.

Der Weg von der Küste in Landesinnere in Richtung Aboda Klint leuchtet. Wir suchen an einer Kreuzung, bleiben kurz stehen und ein Mensch klopft an die Scheibe. Sorry, sage ich, dachte, ich hätte ihn aufgrund meiner Fahrweise belästigt. Ein Berliner, er freut sich sichtlich uns auf Deutsch den Weg zu erklären, bestens. Eine herzliche Begegnung  mitten im Nirgendwo.

Oben angekommen lädt der hölzerne Turm ein, um die Landschaft von oben zu bewundern, heute leider nicht, geschlossen, weil baufällig, er wird renoviert. Wir sehen die unzähligen Seen und die unendliche Weite der Natur auf den dicken Steinen stehend. Winzig fühlen wir uns und verbunden mit allem ebenso.

Wir finden einen Platz in Hultsfred, direkt am See, mitten in der vom Wind begleiteten Stille.

Schweden hat viele Gesichter, das touristische auf Öland, das alltägliche in den mittelgroßen Städten, das mystische, immer wieder und überall, das einsame in den bunten Streusiedlungen, das europäische mit den Flüchtlingshäusern auch.

Die Sonne weckt uns, erneut schauen wir durch das sanft wiegende, blühende Gras auf das blaue Wasser, friedliche Stimmung erleben und Glück. Der Platz erinnert an Deutschland, der Platzwart kommt aus Hamburg und Birken überall. In der Ferne, gegenüber auf der anderen Seite, geräuschvoll der Alltag.

Pippilotta, mit Ringelstrumpfhosen, dreht sich mitten auf dem Platz und spricht vor sich hin, Johann aus Deutschland betrachtet sie versonnen und lächelt. Die Begegnung wird er wohl nicht vergessen. Damals, in Schweden, ein Gefühl, das bleibt für immer.

Wir fahren weiter, die Schären warten.

Pippilotta versteckt sich in Vimmerby, dort, wo Astrid Lindgren ihre Geschichten schrieb. Hier gibt’s es sie zuviel, die Massen wollen es sehen, wir nicht und ziehen weiter.

Västervik, eine Stadt für einen Einkaufsbummel, mit Dom und altem Rathaus, weniger zum Verweilen. Den Hafen und die immerwährende unendliche Weite der See genießen wir, auch die Sonne. Jourgubbar kaufen wir auch, mit Joghurt genießen wir sie an einem Campingplatz mit Seeblick, wie anders. Betreten den Platz ohne einen Menschen anzutreffen, irgendwo steht ein anderer Bus mit drei Hunden, von einem niedrigen Hasenzaun umschlossen.

Gegenüber ein Hügel, wir gucken immer wieder durch unser Fernrohr, vielleicht, in der Dämmerung mag der Elch uns begrüßen. Hin- und Hergewuschel lockt meinen Blick auf den Rasen, ein Dachs wohnt hier und schnüffelt und wackelt zum See, das Lächeln auf unseren Gesichtern sieht er nicht.

Die vielen Gesichter des Wassers sehen wir an diesem Ort, Licht- und Schatten verändern das Spiegelbild, das Tauchen der Ente wirft andere Ringe als die der Fische, die in der Dämmerung die Insekten von der Wasseroberfläche fressen. Morgens die Segelschiffe, die raus fahren auf die offene See ziehen einen hellen, pyramidischen Streifen hinter sich her. Jetzt erleben wir dies, in diesem Augenblick.

Gräsnäs lädt ein zum Verweilen, wir radeln noch zum Hafen, dann geht es weiter. Holzboote leuchten in der Sonne, gepflegt, zwei Kapitäne unterhalten sich, einer rudert langsam rückwärts aus seiner Parkbucht, dann startet er den Dieselmotor und fährt langsam heraus aus dem Fjord, liegt gemütlich in seinem Boot. Wir möchten mitfahren, erfreuen uns an dem kleinen, lebendigen Hafen, an der einen Seite ein Wienercafé. Bedient werden wir von einem älteren, fröhlichen Herrn, die Seele des Cafés. Trinken noch einen Kaffee auf der Terrasse, begleitend von drei Meisen. Sie gehören zum Inventar.

Die Schären, sie warten immer noch. In Gryts finden wir sie, wild und ungebändigt schwappt das Meer an die Riesensteine und dumpfe Musik erschallt aus ihnen. Flechten und winzige lilaweißgelb leuchtende Stiefmütterchen sitzen auf den Steinen. Auf der See überall Inseln, kleine, große mit Bäumen und Sträuchern, die Riesen befestigen sie. Der Blick reinigt die Seele.

Pippilotta hat gebadet und hüpft mit wehendem, roten Bademantel hinten in den offenen weinroten Kastenwagen.

Zurück durch einen Märchenwald mit Moos in verschiedensten Farben und Formen, Kiefern, sie stehen in Schweden selbstverständlich überall. Schwedens größte Industrie das Holz, die Möbel, die Pellets. Bleiben oder weiterziehen, ein Anruf aus Deutschland verändert alles. Jetzt braucht es andere Überlegungen, Ideen und Trost.

Ein Platz am Ende der Welt, direkt in den Schären, der eiskalte Wind rötet unsere Wangen und der beginnende Regen verändert den Blick. Schweden erleben, wieder anders, nieselverschleiertes Meer, schwarz-bunte Gummistiefel, graubraunnasse Wurzeln. „Kein Mittsommer ohne Regen“, sagt die mies gelaunte Pippilotta mit hochgesteckten Zöpfen.

Wir bleiben und fahren auf dem schnellsten Weg Richtung Stockholm. Die schwedischen Menschen verlassen Stockholm, Mittsommer braucht die Natur, die einsamen Gegenden, die Trolle und Elfen, die Touristen kommen. Ein Platz unter der Brücke, oben die Flugzeuge, nachts Flugverbot, per Fahrrad erreichbar die Gambla Stan. Quirliges gibt es dort, auch Souvenirs, Souvenirs. Kornspeicherhäuser und engstes Gässchen, auch Alfred Nobel und die Royals.

Der Weg mit dem Fahrrad am Wasser entlang, Boote über Boote, hölzern, modern, Fähren, Segelschiffe, riesige Dampfer und Brücken, allüberall. Auf dem Rückweg werden wir pitschepatschenass, dennoch das Bier in der Altstadt genossen, die verwinkelten Gassen auch, das Farbbunte der Häuser. Eine alte Dame irgendwo in einer stillen Gasse besitzt einen Flohmarktladen, spricht deutsch, zurückhaltend sitzt sie in der Ecke, lässt mich stöbern.

Schlafen unter der Brücke geht leicht, wenn der Bus schützt. Dauerregen. Am anderen Tag per Metro in die Gambla Stan, Wachablösung am Schloss, alles erinnert ein wenig an den Buckingham Palast. Storkyrkan, die Krönungskirche beeindruckt, die hölzernen Thronbänke für die königliche Familie, Georg, der den Drachen tötet, Riesengemälde und ein siebenarmiger, bronzener Leuchter, eine tiefseelische Schwingung, verstärkt durch den spontanen Gesang eines japanischen Chores.

Weiter durch enge Gassen, das Espresso-Café suchen und finden, vorher im ältesten Kaufhof schnuppern, schauen, was wir alles nicht benötigen und finden Gummischuhe. Jetzt sind wir gewappnet für den Dauerregen, reinschlüpfen zur Dusche, rausschlüpfen und wieder in den trockenen Bus.

Mittagspause und dann doch noch Midsommar feiern, überall spürbar, ein Feiertag, leeres Stockholm und doch im Skansen wird gefeiert, der Baum ist gesetzt und eine Volkstanzgruppe hilft, dass die Menschen, jung, alt, klein, groß, hell, dunkel – egal – um den Baum tanzen, ich auch, selbstverständlich wird Equinox gefeiert. Pippilotta singt und schwingt, Regen, na und? Meine Seele ist befriedet, die Elche sehen wir noch, kleine und große, unser beider Seelen sind befriedet trotz Dauerregen. Auf dem Rückweg begegnet uns der erwachsene Herr Karlsson im Rollstuhl, singend, rufend mit lachendem Gesicht und einem atemlosen Tempo, wir lachen zurück.

Die Natur ruft wieder, auf dem Weg entlang der Mälaren ein Wikingergrabhügel und Schiffssetzungen, wieder Steine über Steine, weniger mystisch hier, für die Touristen aufgepeppt, dennoch. Die alte Kirche in Badelunda lädt ein und Pippilotta wird im Nebenraum gewickelt, dort, wo die bunten Deckenmalereien das Alter der Kirche zeigen.

Tief in die Natur fahren Richtung Hälsnäs, dort, wo nichts ist, ein Campingplatz auf der Karte, nur dort, alles wieder zurück. In Fujgesta ein Platz direkt am Freibad, das erste Schwimmen im Land der tausend Seen, überall freuen sich Pippilotta und Michael aus Lönneberga und springen und singen und hüpfen und schwimmen. Wir freuen uns auch, bleiben, faulenzen einen Tag.

Später der Regen, der Bodennebel wirkt gespenstisch. Das dampfende Wasser überall weckt unsere Sinne am Morgen, weiterfahren, die Trolle und Elfen rufen. Hinein ins Land der Riesenseen und des Reiches der Wesen. Wir Menschen verlernen, sie zu sehen, hier entdecken wir sie neu. Riesige, dunkele Wälder mit grünweichsanftem Moos überall und Farne und hineingeworfenen Felsblöcke, mal rund, mal hochaufragend, mal glatt, mal flechtenbedeckt, mal ruppig beängstigend. Naturreizüberflutung.

In Tived, am Ungensee, ein netter Cafébesitzer, er spricht Englisch, erzählt mir vom Dorfleben und dass die Touristen im Naturpark im Winter auf dem oberen Platz des Campinggebiets gestellt werden, im Sommer an den See. An den wunderbaren, plötzlich in seiner gesamten Weite sich zeigenden Ungensee, kommen wenig Touristen, lecker seine Speisen, frisch zubereitet und die Menschen des Dorfes, treffen sich hier und erzählen, von dem wenigen, was sie erleben.

Etwas weiter am Hafen entdecken wir einen Krebs, seine Augen sichtbar im eher von Mineralien dunkel gefärbten See. Kleine Boote der Dorfmenschen liegen still im Minihafen, hier könnten wir verweilen, eine Weile, eine Nacht, leider verboten.

Der Platz zum Verweilen am Fuße des Naturparks bietet alles für uns Touristen, direkt am See, gegenüber der Wald, sich putzende Graugänse auf dem Steg, Stille und Weite. Blicke, immer wieder anders zeigt sich auch hier die Wasseroberfläche.

Heute ein Gang tief in den Trollenwald, den Tiveden. Ein Gang ins Nirgendwo, Ungewissheit schenkt Gewissheit, der Hund weiß, wo es langgeht. Begegnungen mit Riesensteinen mit dicht bewachsenen weißen, grauen und grünen Flechten, Urwald überall und helle Hexenhaare winken uns. Barthaare der Trolle, dunkel und helle, verloren und hängen geblieben beim Versteckspiel. Pippilotta spielt mit, verkleidet sich. Einer zeigt seine hellgrüne Moosnase, der andere hat ein dunkelgrünes Dach über dem Kopf.

Blicke hierhin und dorthin, wirklich alles aufnehmen schafft das Bewusstsein nicht. Mehr als das Nichts und die Stille erleben wir hier, Urgestein und Wildnis und Klein-Sein und Demut spüren. Ein Moosbad nehmen, hineinspringen und lebendig sein. Bewusstseinslehrpfad, Achtsamkeit auch, das Jetzt, kein Spaziergang, eine Wanderung, die Unachtsamkeit direkt bestraft mit Stolpern oder im Moor einsinken.

Gewebter Wurzelteppich stützt die rutschigen Wege und den quietschenden Morast. Hören, sehen, riechen, fühlen, spüren, plötzlich Vaters Schraubengeruch, die Ahnen und Geister begegnen uns auch.

Liebevoll schmiegt sich ein Baum an den Felsen, Liebe bedeutet gehalten werden, sie verschmelzen Baum und Stein und zeigen es uns. Leuchtende Wassertropfen einer Urquelle vom Riesenfels springt er hinunter ins sanfte Sternenmoos. Manches Mal leuchtet das Weiß der Federnblumen in all dem Grün.

Blicke von den Höhen auf die Unendlichkeit der Seen, still und starr ruhen sie, rotblättrige Seerosen. Schmale Stege verlangen den Blick zum Boden, darunter das Moor und spitzes Gras und Morast, „Matschepampe“, sagt Pippilotta.

Dieses Erlebnis in den Tiveden, das spüren wir, eingebrannt in den tiefsten Zellen, wirkt so stark, die Entscheidung weiterzufahren das Ergebnis.

Den Blick auf den See, die Schatten und Graugänse und auch die mutige Frau, allein unterwegs mit Zelt nehmen wir wahr, die Müdigkeit lässt es schemenhaft in den Hintergrund rücken. Die Millionen kleiner Mücken bei einem Gespräch mit zwei Menschen aus Hannover, die Hunde spielen und balgen, der alte Hund wird noch einmal jung, spüren wir erst zwei Tage später, der Kopf juckt, „grässlich“, sagt Pippilotta.

HJO, als Holzstadt beschrieben, verlassen wir schnell. Zu heftig die Welt da draußen. Ein Blick hierhin und dorthin, fertig. Das Vätternmeer, so wird der riesige See genannt, begleitet uns bis Jonköping, ja, ein Meer. Unachtsamkeit lässt uns lange einen Platz suchen. Manche Plätze, auf einer Karte sichtbar, in der realen Welt nicht mehr vorhanden. Hochmoorwälder und irgendwann eine Hütte, mit Gras bewachsen und innen gefüllt mit einem alten Ofen und alten Holzböcken. Eine Räucherei? Schön, sie entdeckt zu haben.

Später ein Campingplatzschild bei Gnosjö. Ein wenig altbacken, „propre“, sagt Pippilotta, aber einer netter Platzwart führt uns zu unserem Platz direkt am See mit Blick auf den Mittsommerbaum, dessen Lupinenefeukränze im heftigen Wind hin- und herschaukeln.

Die Sonne weckt uns am nächsten Tag, sie geht auf um halb vier, wir stehen später auf, lassen uns Zeit und fahren dann Richtung Smalandstenar, fünf Steinkreise warten auf uns. Sie sind kaum sichtbar, umgeben von hohen Gräsern, weniger Kraftplatz. Eine Industriestadt nimmt es weniger wichtig, in diesem Land gibt es viele davon. Hier in dieser Gegend zeigt sich der arbeitende Alltag Schwedens. Schweden hat viele Gesichter.

Dann die Entscheidung, zurück zur Küste, noch einen Tag am Strand erleben, die Sonne soll scheinen. Die Ostsee wirkt rau als wir ankommen, vor Strömung wird gewarnt. Wir genießen später dennoch einen langen Strandspaziergang und die Weite des Meeres und finden kleine Wurzeln und schwarze Steine, der mystische Löffel hilft später beim Kniffeln. „Kunscht“, sagt Pippilotta verschmitzt, den feinen, weißen Sand, den mag sie.

Gute Laune am Morgen, die Sonne wärmt die Luft und der Strandspaziergang nach Käsberga zur leckeren Räucherei des ersten Urlaubstages dauert. Zunächst an leeren, bewohnten, großen, kleinen, liebevoll gestalteten, modernen bunten Ferienhäusern vorbei, ein kleiner von Gräsern umgebener Pfad, dann im Sand, danach Kieselsteine, die das Laufen zum Rutschen bringen. Das kraftvolle Meer säubert die Steine, zieht sie klangvoll zurück, es schenkt und manches Mal spuckt es auch aus.

Ein Müllskulptur auf dem Weg, „das Meer will das nicht“, sagt Pippilotta.

Dem Findefuchs begegnen rote, schwarze, weiße Steine. Mineralien gefüllt der eine, Kreide der andere, der leichte. Schweigend den letzten Tag genießen, leer werden und sacken lassen, all das einzigartig Erlebte, schon einmal, ein wenig.

Auf den Klippen, dort wo wir zu Beginn der Reise ins Pippilottaland den Schiffskreis erlebten, nahezu allein, sehen wir Paragleiter und entscheiden, da gehen wir jetzt nicht hin. In Käsberga sehen wir die Touristen, die wir am ersten Tag erahnten, Mittsommer und die Ferien in Schweden beginnen. Wir essen dennoch leckeren Hering und suchen einen bequemeren Rückweg, wollen über die Klippen laufen.

Der Findefuchs sucht lange, erst einmal geht’s entlang der Straße, der Lärm der Autos schmerzt in den an die Stille angepassten Ohren, dann doch hinauf auf die Klippen. Blicke erneut, nur blaues Meer, Felder auf der anderen Seite. Ein Bauer pflügt sein Kartoffelfeld und ein Greifvogelpaar schaut seinem Jungen beim Fliegenüben zu. Die sanfte Brise streicht über die Weizenfelder auf der einen Seite, bewegte Bilder entstehen. Auf der anderen Seite, durch kraftvollen Klatschmohn sichtbar, das bewegte Meer.

Erneut Naturstille, erleben, aufsaugen und ruhig werden, plötzlich, der Weg geht nicht weiter. Über Zäune steigen, durch Niemandsklippenlandschaft wandern, Kuhfladen umgehen und einen Hasen mit schwarzen Ohren Zickzack laufen sehen und das Meer. „Verbotene Wege gehen“, sagt Pippilotta fröhlich, ein bisschen ängstlich das Abenteuer erleben.

Und wieder zurück den letzten Abend genießen am Strand, Räucherfisch essen und die Welt wieder zulassen. Pippilotta steht mit ihrem gepunkteten Kleid auf einem roten Stuhl vor der Spüle und übt, wie es geht das Spülen auf einem Campingplatz in Schweden. Packen für die Fähre, morgen um 12.30h ab Trelleborg. Im Hintergrund eine schwedische Geburtstagsfeier mit schwedischen Liedern und fröhlichem Lachen.

Wir kommen wieder, Pippilotta. (Kabira I. Hesse, Copyright)

 

Nichts und Alles auf dem Niemandsberg

In einem Land im hohen Norden, dort wo Pippilotta wohnt, gab es einst einen hohen Berg, den Niemandsberg. Dort lebten seit jeher Feen- und Trollenvölker friedlich miteinander und hüteten ihn. Die rüstigen Wächter am Fuße des Berges ebenso wie die leichtfüßigen Hüter hoch auf der Spitze des Niemandsberges, dort wo alle Seen zwischen den Steinen und Wäldern zu sehen waren.

Feen, Gnome, Nebeltrolle, Kobolde und Wichtel, alle hatten ihren Ort im grünen, sanftweichem, sternförmigen Moos. Das Grün war so vielfältig, wie die Wesen aller Völker auf diesem Berg. Sogar Steinbeißer gab es, große und kleine und Riesen. Gutmütig waren sie, sie ließen die Feen und Trolle auf ihrem dicken, grauweißen Flechtteppich tanzen und springen.

Alle hatten ihren Platz und alle hatten ihre Aufgaben. Es gab Kräuterfeen, die sammelten und pflanzten und hüteten die so wertvollen Kräuter des Berges. Sie heilten, sprachen Trost und hörten zu. Niemand konnte so zuhören wie sie. Es gab Feuerfeen und eine von ihnen, die runzelige Muria, sorgte für das große Feuer. „Holt kleine Stöcklein, schön rund und trocken, damit das Feuer weiterglüht“, rief sie ihren helfenden Feen zu. Schnell flogen die Feen davon um trockenen Reisig zu suchen. Um das Feuer herum war ein quirliges Treiben, es wurde gesungen und Harfe gespielt, getanzt und gelacht.

Fürchterliche Trolle gab es auch, die, die Geisterwesen verjagten. Flinke Kobolde, die mit Spaß und allerlei Witzigkeiten die Wesen zum Lachen brachten, waren mal unten bei den Bergwächtern, mal ganz oben, so dass alle Wesen ihr Lachen und ihre Freude nicht vergaßen. Die Gnome versorgten die Kleinstinsekten und die Wichtel kümmerten sich um die Bäume. Ein emsiges Treiben überall im Niemandsland, ein Klopfen hier, ein Rütteln dort und dennoch, die Stille war allüberall.

Auch Moore und mit rosa Seerosen bedeckte Seen gab es, es gab Vögel, kleine, die leise sangen und Bienen, die leise summten und Mücken, die im Sommerglitzer tanzten.

Mitunter trafen sich die Bergwesen um das große Feuer, um Mutter Erde zu feiern, den Mond zu begrüßen, den Winter zu verabschieden. Dann tanzten sie um das Feuer herum, sangen und tranken und speisten die köstlichsten Beeren. Glücklich waren sie und zufrieden. Mitunter trafen sie sich um das große Feuer, um den Eintritt eines neuen Wesens in die Welt zu begrüßen, oder auch, um den Abschied einer geliebten Freundin zu beweinen.

Mitunter stritten sie, zankten sich um eine große Walderdbeere oder um das weicheste Moos. Sie stritten, aber sie kämpften nicht, sie nahmen das Leben ernst und doch, es gab immer eine oder einen, der an die Leichtigkeit und die Liebe erinnerte und so lebten und liebten sie ihr Leben auf dem großen, stillen, mitunter auch mächtig nebeligen Berg.

Sie waren alle miteinander verbunden, wussten um diese heilige Stätte und achteten einander. Alle wussten um das große Ganze, um die Himmelswesen und um die allumfassende Liebe. Sogar Huddelfutz, das Hutzelmännchen, das plötzlich, völlig unerwartet aus seiner geheimen Wohnstätte kam und die Kleinsten von ihnen piekste und zwackte, so dass einige erschreckten und schrieen und einige lustig vor sich hinkreischten. Das Männchen kicherte in sich hinein: „Hab’ ich’s wieder geschafft“, und verschwand so schnell wie es gekommen war. Niemand sah es je, doch alle wussten um ihn.

Sogar Nichts, das Feenkind und Alles, das Nebeltrollkind, wussten um Huddelfutz, er wusste auch um sie. Nichts und Alles waren seit langem Freunde und spielten miteinander verstecken und manches Mal ärgerten sie ihre Eltern, weil sie im dichten, grünem Gras nicht mehr zu finden waren. Sie hatten keine Angst vor dem Hutzelmännchen, sie sahen ihn nicht, hüpften und flogen aber schnell hinfort, sobald sie seine Nähe spürten. Das nämlich konnten sie.

Eines Tages veränderte sich das Leben auf dem Niemandsberg. Alles und Nichts waren die ersten, die das Stöhnen und das Knacksen der Äste hörten. Bis der Ruf der Wächter von ganz unten am Berg oben angekommen war, hatten Nichts und Alles mit dem Versteckspiel bereits aufgehört, nahmen sich ängstlich an die Hand und liefen auf schnellstem Weg in die nächst beste Höhle.

Ein Stampfen, Knurspeln und Stöhnen störte diesen heiligen Berg, einige Wesen konnte nicht schnell genug davon springen und einige ließen ihre Haare an einem Ast, weil sie so schnell, so unachtsam wegliefen, dass sie die Zweige nicht sahen. „Es geschieht Ungeheuerliches“, riefen die ängstlichen Wichtel. „Lasst’ uns schauen, wer uns besuchen kommt“, riefen die neugierigen Nebeltrolle. Goldfädchen, die Brunnenelfe, holte schnell den Eimer nach oben und versperrte den Brunnen. „Hui, schnell zu Mutter Eibelin“, sprach sie und flog davon.

Viele von den Bergbewohnern wurden verletzt, einige starben gar und ein Grauen ging um. Wer war dieser Riesenwichtel mit dieser krumpeligen, dunklen Jacke und dem rauchendem Stock im Gesicht? Was wollte er in ihrem Wald? Sie fürchteten sich, die Feen und Trolle, und guter Rat war teuer. So etwas war ihnen in ihren kühnsten Träumen nicht begegnet.

Der Riesenwichtel ging hoch und runter und ächzte und schnaubte. Nichts und Alles hielten aneinandergehockt an den Händen, hörten diese seltsamen Geräusche, die sie nicht kannten und zitterten am ganzen Leibe. „Was sollen wir nur tun, wer ist das?“, fragte Alles leise. Nichts wusste keine Antwort, nahm sie liebevoll in seine Arme.

Dennoch krochen sie leise, leise zum Licht, als sie gegenüber auf dem höchsten, mit dicken Flechten übersäten Stein des Berges den Riesenwichtel sahen, so groß, so unheimlich, so stark. Neugierig waren sie, die beiden. Die Arme des Riesenwichtels wiesen zum Himmel und er jauchzte und lachte und tanzte. Offenbar freute er sich. Seltsame Töne gab er von sich. „Uaaah, ohhh, wie schön! Was sehe ich hier, wer wohnt hier, was geschieht mit mir?“

Vor Schreck fielen einige Wesen, die in der Nähe waren, in Ohnmacht, einige wurden auch neugierig und flogen um seine Nase herum. Es bemerkte sie nicht, scheuchte die Mücken weg. Oder – spürte er sie doch? Manches Mal schaute er still herum, schaute suchend hin und her.

Nichts flüsterte: „Komm, Alles, wir laufen zu ihm“, so groß war die Neugierde in dem kleinen Nebeltroll. Nichts und Alles nahmen all ihren Mut zusammen und liefen zu dem Riesenwichtel hin und zogen an den Hosenbeinen, zupften und rüttelten. Nichts rief: „Hallo, Du seltsamer Riesenwichtel, schau, dies ist unser Ort, er ist heilig.“ „Spürst Du es?“, fragte Alles laut und klopfte auf die großen braunen Schuhe des Riesenwichtels. Der Riesenwichtel hielt inne, als hätte er verstanden.

Alsdann der Riesenwichtel ging weiter, rutschte aus, zog sich wieder hoch, setzte sich und stopfte Beeren in sich hinein, trank aus den Quellen und sprang sogar in einen See und schwamm darin. All dies sahen die erwachsenen Wesen und wussten nicht ein noch aus.

Sie trafen sich, als der Riesenwichtel wieder fort war, die Stille des Berges sie wieder tröstete und berieten sich am großen Feuer. Was sollten sie tun, sollte noch einmal ein Riesenwichtel auf ihren Berg kommen? Truruh, ein Nebeltroll, der seine Eltern verloren hatte, fragte verängstigt: „Was sollen wir nur tun, wenn mehr von diesen Riesenwichteln kommen? Sie werden uns fangen und unseren Wald zerstören. Wir müssen den Berg und uns alle schützen! Wir müssen mit allem, was wir haben, kämpfen!“ Die Feen, allen voran Eibenkind, aber riefen: „Nein, wir müssen sie liebevoll umfangen und ihnen einen Weg bereiten, dann spüren sie uns und werden uns achten. Lasst uns in ihre Träume fliegen, dann werden sie uns sehen!“ „Welch ein Blödsinn“, riefen die Gnome, „niemals werden sie uns sehen, das hat dieses Ding doch jetzt auch nicht, nur schreien und zerstören konnte er!“

Sogar die Wurzelkinder in der Erde hörten die Wesen oben über ihnen sprechen und rufen, durcheinander und mächtig laut, wie nie zuvor. „Was geht da oben vor sich?“, fragte Vergissmeinnicht. Die Wurzelkinder lugten vorsichtig durch die winzigen Mooslöcher nach oben. Ganz leise sangen sie ihr Lied, um die Wesen zu besänftigen und zu beruhigen. „Spürt Euer Vertrauen! Sorgt Euch nicht!“ Die Himmelswesen taten es ihnen gleich: „Spürt Eure Liebe, dann wird alles gut!“

Und siehe da, die Feen, Trolle, Gnome und Kobolde wurden still, lauschten in ihren Berg und in ihre Wälder hinein und begaben sich zur Ruhe.

Bald darauf, die Nebeltrolle waren hoch auf den Berg gekrochen, wurden die Wächter am Fuß des Berges von einem Lärm geweckt, den sie noch nie gehört hatten. Erneut warnten sie, nicht immer früh genug. Erneut hörten die Wesen das Stöhnen und Ächzen, lauter noch und nicht nur ein Riesenwichtel kam den Berg herauf, nein viele, sie bauten Stufen um Stufen, zerstörten Moosfelder und schlugen Bäume. Aber, sie hielten immer wieder inne, fragten die Baumwesen vorher, ob sie sie schlagen dürften. Die Bäume ließen es geschehen, als wüssten sie um ihre Aufgabe.

Nichts und Alles schauten neugierig aus ihrem geschützten Trollhaus auf das Treiben der Riesenwichtel. Sie waren seltsam achtsam, die großen Ungeheuer. Nur wenig veränderten sie, als wären sie mit allem verbunden. Immer wieder sprach der Riesenwichtel, welcher als erster ihren Berg betreten hatte, zu ihnen und sie handelten nach seinem Wollen.

Nichts und Alles sahen dies, waren so neugierig, wie nie zuvor. „Was geschieht da?“ fragte Alles. „Hat es uns gehört, uns wahrgenommen?“ „Ja“, antwortete das Nichts ungläubig staunend, „ sie achten unseren Berg, die Riesenwichtel, als wollten sie teilhaben, nicht zerstören!“ Sie nahmen sich in die Arme und tanzten, schwebten sanft über das grüne Moos auf das Dach ihrer Höhle und sangen und so hörten es die anderen und taten es ihnen gleich.

Bretter wurden durch das Moor gelegt, ganz schmale Bretter. Stufen wurden in die Steinbeißer gemeißelt. Die riefen: „Uui, das kitzelt!“ Und irgendwann kamen die Riesenwichtel mit all ihrem Gepäck wieder bei den Wächtern am Fuße des Berges an. Sie verneigten sich, als sähen sie die Wächter.

Die Wesen des Niemandsberges waren traurig und mussten lange um das Feuer tanzen und trauern. Dennoch fühlten sie, das Unberührte ihres Berges war geblieben. Der erste Riesenwichtel hatte sie gesehen, wie sonst nur Kinder Feen und Nebeltrolle wahrnehmen konnten, es hatte ihre Liebe gespürt, das Wundersame dieses Ortes in sich fühlen können.

Immer wieder kamen Riesenwichtel, manche von ihnen rannten durch den Feentrollenwald ohne rechts und links zu sehen oder zu spüren, welche Kraft von diesem Ort ausging. Andere aber blieben stehen, leuchteten in ihrem Inneren und verbanden sich mit den Wesen und erkannten.

Dann zeigten sich auch Nichts und Alles, die Jahr um Jahr miterlebten, dass die Riesenwichtel ihren Platz heiligten und sie dankten dem ersten von ihnen, dass er sie gehört und gefühlt hatte. „Schön“, sagte Nichts zu Alles, „dass es Riesenwichtel gibt, die die Kraft und das Geheimnis dieses Ortes spüren.“ „Ja“, sagte Alles, „wünschen wir ihnen, dass sie die Kraft und die Liebe mitnehmen und in ihrem Herzen weiter tragen.“

So entstand im hohen, kalten Norden ein Riesennaturreservat, die Tiveden, weil ein Mensch das Besondere, das Geheimnisvolle, die Liebe, das Nichts und das Alles wahrnehmen konnte und wusste, dies alles muss geschützt werden. Und so ist es bis heute und für alle Zeit.

(Irmgard Hesse, 09.10.2015) (Copyright)